Ausgabe November 2013

Mythen um Camus

Bild: Knaus Verlag

Um Albert Camus, der am 7. November 2013 hundert Jahre alt geworden wäre, ranken sich viele Mythen: Er soll ein Existentialist, ein Philosoph allenfalls für Abiturklassen und ein harmloser Sozialdemokrat gewesen sein. Doch nichts von alledem trifft zu. Es ist dem französischen Philosophen Michel Onfray zu danken, dass er in seiner soeben erschienenen Biographie die wahre Haltung Camus’ bloßlegt und so implizit mit den meisten Mythen um Camus aufräumt.

Bereits 1945 sagte Camus klipp und klar: „Nein, ich bin kein Existentialist. Sartre und ich, wir wundern uns immer, unsere Namen miteinander verbunden zu sehen.“ Und 1953 fügte er hinzu: „Die beiden üblichen Irrtümer: die Existenz gehe der Essenz oder aber die Essenz der Existenz voraus. Die eine wie die andere aber gehen im gleichen Schritt.“ Für Camus stehen sich, anders als für Sartre, Mensch und Natur nicht diametral entgegen, denn der Mensch ist immer schon Teil der Natur – und hat somit auch natürliche Eigenschaften. Würde und moralische Werte waren für Camus keine bloßen Gedankenkonstrukte, sondern Teil der menschlichen Natur.

Für den Existentialisten Jean-Paul Sartre dagegen ist der Mensch „nichts anderes als das, wozu er sich macht.“ Hier geht die Existenz der Essenz voraus. Das Wesen der Natur kann uns nach Sartre nicht einmal einen Fingerzeig für irgendeinen Wert geben.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Corona-Schock

von Ulrich Menzel

Die Corona-Krise zeigt mehr denn je, wie abhängig uns die globale Vernetzung macht: von funktionierenden Lieferketten bis zur Versorgung mit Schutzmasken. Eine teilweise De-Globalisierung erscheint angesichts dessen unumgänglich.