Ausgabe April 2014

Ein Herz für Hoeneß

Resozialisierung ist in einem Rechtsstaat ein hohes Gut, bedeutet sie doch für jeden Straftäter das Recht, nach dem Strafvollzug wieder ein Leben in Würde und ohne Ächtung zu führen. Bloß in Bayern hielt man es lange lieber mit der Vergeltung, dem Prinzip von Schuld und Sühne – jedenfalls dann, wenn es sich um den „Bodensatz“ der Gesellschaft handelte. Doch im Fall Hoeneß soll das Prinzip der Abschreckung offenbar nicht gelten. Im Gegenteil: Heuer konnte man den ersten Fall einer juristischen Wunderheilung erleben.

Eben noch hatte ein ganzes Land atemlos verfolgt, wie sich die von Hoeneß hinterzogene Steuerschuld erst von 3,5 auf eingestandene 18,5 Millionen Euro erhöhte, um dann im Stundentakt bis auf 28,5 Millionen zu klettern. Das Ergebnis war ein durchaus mildes Urteil von dreieinhalb Jahren. Denn laut einer Grundsatzentscheidung des BGH sind bei Steuerhinterziehungen von über einer (sic!) Million Euro grundsätzlich Haftstrafen ohne Bewährung fällig – in einem besonders schweren Fall wie diesem von bis zu zehn Jahren. – Doch kaum hatte der Bayernboss auf eine Revision verzichtet, schon um keine höhere Haftstrafe zu riskieren, kannte die Begeisterung kein Halten mehr.

Sie haben etwa 33% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 67% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Afrika: Die zweifache Katastrophe

von Simone Schlindwein

Es sind grausame Szenarien, die für Afrika projiziert werden. Von „zehn Millionen Toten“ durch das Coronavirus auf dem Kontinent warnte Microsoft-Gründer Bill Gates bereits im Februar: Ein massiver Ausbruch würde die ohnehin maroden Gesundheitssysteme Afrikas „überwältigen“ und dadurch zu einem Massensterben führen, erklärte er. Die Warnung Gates‘ kam nur wenige Stunden bevor in Ägypten der erste Covid-19-Fall auf dem Kontinent bestätigt wurde. Seitdem breitet sich das Virus stetig weiter gen Süden aus und mit ihm auch die Angst.

Indien: Der große Exodus

von Ellen Ehmke

Es ist der größte Lockdown der Menschheitsgeschichte: Am 24. März verordnete Premierminister Narendra Modi dem indischen Subkontinent eine mehrwöchige Ausgangssperre, die mindestens bis Anfang Mai anhalten soll. Das Ziel: Die Ausbreitung des Coronavirus unter den knapp 1,4 Milliarden Inder*innen aufzuhalten.