Ausgabe Juni 2014

Um die Wurst

Conchita sei Dank! Wer noch immer fürchtet, der Konflikt zwischen Russland und dem Westen könne mit Waffen ausgetragen werden, wurde beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen eines Besseren belehrt: Musik reicht! Kaum stand die österreichische Drag Queen auf der Bühne, kamen sämtliche homophobe Russen aus der Deckung. „Euro-Homos, schmort in der Hölle“, twitterte der Kommunalpolitiker Witali Milonow. Und Wladimir Schirinowski, Chef der rechtspopulistischen Liberal-Demokraten – die Betonung liegt bekanntlich auf liberal – war völlig konsterniert: „Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern ein Es.“

Verfluchtes „Gayropa“: Offensichtlich bringt Conchita das klare Geschlechterbild der wahren Russen völlig in Unordnung. Die Konsequenz liegt für Schirinowski auf der Hand: „Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten bleiben sollen“. Da nun allerdings Österreich – anders als die Ukraine – beim besten Willen nicht mehr okkupierbar ist, muss Russland zum bewährten Mittel der Abschreckung greifen und eine musikalische Grenze errichten. Genauer: einen antifaschistischen Schutzwall. Schließlich erkennt nicht nur Wladimir Jakunin, seines Zeichens Chef der russischen Eisenbahn, einen vulgär-westlichen „Ethno-Faschismus“.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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