Ausgabe November 2014

Ein deutscher Sonderweg – und ob!

In der letzten Ausgabe der »Blätter« kritisierte der Historiker Tim B. Müller die These vom „deutschen Sonderweg“, nach dem spezifisch deutsche Traditionen in den Nationalsozialismus geführt haben. Darauf antwortet nicht minder kritisch »Blätter«-Herausgeber Detlef Hensche.

In Krisenzeiten wächst der Bedarf an Orientierung. Die Geschichtswissenschaft will uns da nicht im Stich lassen. Nachdem wir gestern Entlastendes über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfuhren, lesen wir nunmehr Ähnliches über den Untergang der Weimarer Demokratie. Der Machtantritt der Nationalsozialisten war demnach bloß Ergebnis „verfehlten Krisenmanagements“: eine „Kette falscher Entscheidungen von Hindenburg, Papen und einigen anderen Antidemokraten“, deren Aufstieg ins Zentrum der Macht erst durch das Versagen der Regierung Brüning möglich geworden sei. Andere Kräfte und Faktoren, so Tim B. Müller weiter, seien nicht am Werk gewesen, von einem angeblichen „deutschen Sonderweg“ und der mit ihm konnotierten „Untertanengesellschaft“ könne keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Entstehungsmöglichkeiten der eigentlich durchaus stabilen Weimarer Demokratie seien bereits im Wilhelminischen Reich gelegt worden.

Die Sichtweise verblüfft. Das Ergebnis ist eine entkernte Geschichte.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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