Ausgabe Oktober 2016

Colonia Dignidad oder: Die verdrängte Verantwortung

Als Bundespräsident Joachim Gauck Mitte Juli Chile besuchte, bot sich ein bizarres Bild: Bei seinem Empfang in der Deutschen Botschaft in der Hauptstadt Santiago trafen Opfer der deutschen Folt+ersekte Colonia Dignidad auf ihre Peiniger von einst. Anwesend waren der wegen Beihilfe zu Kindesmissbrauch und -entführung verurteilte ehemalige „Sicherheitsmann“ der Sekte, Reinhard Zeitner, sowie Hans Schreiber, der heute die juristische Verteidigung ehemaliger Führungsmitglieder organisiert. Was zunächst aussah wie eine Panne, stellte sich später als Vorsatz heraus: Die Botschaft habe sie absichtlich, „nach einem Abwägungsprozess“ auf die Gästeliste gesetzt, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.[1] Die Grenze zwischen Tätern und Opfern ließe sich in einem geschlossenen verbrecherischen System wie der Colonia Dignidad nicht „mit letzter Trennschärfe“ ziehen, viele Täter seien zugleich Opfer gewesen. Deutlicher hätte nicht gezeigt werden können, wie wenig die deutschen Behörden aus ihrem historisch unheilvollen Umgang mit der Colonia Dignidad gelernt haben. Gaucks Reise, die eigentlich im Zeichen von Aufklärung und Versöhnung stehen sollte, endete so unfreiwillig im Eklat.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Bild: imago images / AAP

Mehr Westen oder mehr Osten wagen?

von Herfried Münkler

Wenn gegenwärtig im außenpolitischen Kontext über die Trump-Regierung gesprochen wird, geht dies in aller Regel mit einer Warnung vor Parallelen zur isolationistischen US-Politik nach 1919 einher. Tatsächlich gehört zu den zentralen Merkposten einer jeden historischen Darstellung des 20.

EU: Waffen als Exportschlager

von Michael Brozska

Seit Jahrzehnten zählt die Bundesrepublik zu den größten Waffenexporteuren weltweit. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI rangiert sie derzeit – nach den USA, Russland und Frankreich – weltweit auf dem vierten Platz.

Deutsch-französischer Wettlauf um Afrika

von Frauke Banse

Auf die Frage, was die „globalen Anfechtungen“ aus China, Russland und den USA mit Europa machen würden, antwortete Angela Merkel jüngst in einem Zeitungsinterview: „Sie fordern uns immer wieder ab, gemeinsame Positionen zu suchen. […] Unsere Afrikapolitik folgt inzwischen einer gemeinsamen Strategie, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wäre.