Ausgabe Oktober 2016

Polnische Legenden

Ein paar Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen meine Eltern und ich in Tel Aviv an. Der Rest der Familie und Verwandte – drei meiner Großeltern, die sieben Geschwister meiner Mutter und fünf meiner Cousins – blieben in Polen. Sie alle wurden im Holocaust ermordet.

Ich habe Polen viele Male besucht, immer begleitet von allgegenwärtiger jüdischer Abwesenheit. Von mir verfasste Bücher und Artikel wurden ins Polnische übersetzt. Ich unterrichtete an der Universität von Warschau und an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Kürzlich wurde ich zu einem externen Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt. Trotz meiner spärlichen Kenntnisse der polnischen Sprache sind mir Geschichte und Kultur des Landes nicht fremd.

Aus diesen Gründen verstehe ich, warum die polnische Regierung jüngst Gesetze für historische Angelegenheiten verabschiedete. Aber ich bin auch wütend.

Die Polen betrachten sich verständlicherweise in erster Linie als Opfer der Nazis. Kein Land im besetzten Europa litt in ähnlicher Weise. Polen war das einzige Land, in dem unter deutscher Besatzung Regierungsinstitutionen sowie Armee aufgelöst und Schulen und Universitäten geschlossen wurden. Sogar der Landesname wurde von der Landkarte gelöscht. Wie eine Neuauflage der Teilungen Polens durch Russland und Preußen im 18.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema