Ausgabe Oktober 2016

Polnische Legenden

Ein paar Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen meine Eltern und ich in Tel Aviv an. Der Rest der Familie und Verwandte – drei meiner Großeltern, die sieben Geschwister meiner Mutter und fünf meiner Cousins – blieben in Polen. Sie alle wurden im Holocaust ermordet.

Ich habe Polen viele Male besucht, immer begleitet von allgegenwärtiger jüdischer Abwesenheit. Von mir verfasste Bücher und Artikel wurden ins Polnische übersetzt. Ich unterrichtete an der Universität von Warschau und an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Kürzlich wurde ich zu einem externen Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt. Trotz meiner spärlichen Kenntnisse der polnischen Sprache sind mir Geschichte und Kultur des Landes nicht fremd.

Aus diesen Gründen verstehe ich, warum die polnische Regierung jüngst Gesetze für historische Angelegenheiten verabschiedete. Aber ich bin auch wütend.

Die Polen betrachten sich verständlicherweise in erster Linie als Opfer der Nazis. Kein Land im besetzten Europa litt in ähnlicher Weise. Polen war das einzige Land, in dem unter deutscher Besatzung Regierungsinstitutionen sowie Armee aufgelöst und Schulen und Universitäten geschlossen wurden. Sogar der Landesname wurde von der Landkarte gelöscht. Wie eine Neuauflage der Teilungen Polens durch Russland und Preußen im 18.

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