Ausgabe November 2018

Der dressierte Mensch

Die Tyrannei des Überwachungskapitalismus

Im Jahr 2000 arbeitete eine Gruppe von Informatikern und IT-Ingenieuren der Technischen Hochschule in Atlanta, Georgia, an einem Projekt mit dem Namen „Aware Home“.[1] Gedacht war dieses als „lebendes Labor“ für eine Studie über „ubiquitäres Computing“. Man stellte sich eine „Symbiose von Mensch und Zuhause“ vor, bei der zahlreiche unbelebte und belebte Prozesse über ein ausgeklügeltes Netzwerk „kontextsensitiver Sensoren“ erfasst werden sollten, die überall im Haus und an von den Hausbewohnern getragenen „anziehbaren“ Computern angebracht sein sollten. Das Design sah eine „automatisierte WLAN-Kollaboration“ zwischen einer Plattform als Host für die persönlichen, von den „Wearables“ der Hausbewohner übertragenen Informationen und einer zweiten Plattform als Host für die von allen anderen Sensoren übertragenen Umgebungsinformationen vor.

2018 schätzte man den Wert des weltweiten „SmartHome“-Markts auf 36 Mrd. Dollar und ging davon aus, dass er bis 2023 151 Mrd. erreichen würde.[2] Unter der Oberfläche dieser Zahlen verbirgt sich ein Erdrutsch. Nehmen wir nur eines der SmartHome-Geräte heraus: den Thermostat der Alphabet-Tochter Nest Labs, mit der Google 2018 fusionierte.[3] Der Nest-Thermostat erledigt eine ganze Reihe der Dinge, die man sich für das Aware Home vorgestellt hatte. Er sammelt Daten über seinen Einsatz und seine Umgebung. Er ist „lernfähig“ und arbeitet mit Bewegungssensoren und Rechnern, um das Verhalten der Hausbewohner zu erfassen. Nests Apps sind darüber hinaus in der Lage, die Daten anderer Produkte im Netz zu erfassen – Autos, Öfen, Fitness-Tracker, Betten.[4] Solche Systeme können zum Beispiel Licht einschalten, wenn sie eine ungewöhnliche Bewegung wahrnehmen, und Video- und Audioaufnahmen veranlassen; sie können sogar Nachrichten an die Hausbesitzer oder andere verschicken. Als Resultat der Fusion von Nest und Google wird man den Thermostat mit Googles AI-Fähigkeiten ausstatten, zu denen etwa der digitale „Assistent“ des Unternehmens gehört.[5] Wie das Aware Home schaffen der Thermostat und seine Brüder unermessliches neues Wissen und damit neue Macht – nur für wen?

WLAN-fähig und vernetzt, wie er ist, werden die personalisierten Datenschätze des Thermostats auf Googles Server geladen. Jeder Thermostat wird mit Datenschutzerklärung, Nutzungsbestimmungen und Endnutzer-Lizenzvertrag ausgeliefert. Diese geben Auskunft über die erdrückenden Datenschutz- und Sicherheitsrichtlinien, nach denen man hochsensible persönliche Daten und Informationen über den Haushalt weitergibt: an andere intelligente Geräte, an ungenanntes Personal sowie an unbeteiligte Dritte zur Erstellung prädiktiver Analysen – ganz zu schweigen vom Verkauf der Daten an andere nicht näher genannte Parteien. Nest übernimmt herzlich wenig Verantwortung für die Sicherheit der Informationen, die man sammelt, und überhaupt keine dafür, wie andere Unternehmen in seinem Ökosystem damit umgehen.[6] Eine detaillierte Analyse von Nests Konditionen durch zwei Forscher an der University of London kam zu folgendem Schluss: Ließe man sich auf Nests Ökosystem vernetzter Geräte und Apps – von denen jedes seine eigenen nicht weniger umständlichen und dreisten Bedingungen mit sich bringt – ein, würde der Kauf eines einzigen Thermostats die Prüfung fast tausend sogenannter „Verträge“ erfordern.[7] 

Sollte der Kunde Nests Konditionen nicht annehmen, so heißt es in den Nutzungsbedingungen, wären nicht nur Funktionalität und Sicherheit des Thermostats kompromittiert, der Kunde würde sich auch des Supports und damit der Updates entledigen, die das zuverlässige Funktionieren des Geräts garantieren. Was alle möglichen Folgen haben könnte, von eingefrorenen Rohren über einen nicht ausgelösten Feueralarm bis hin zum gehackten Heimfunknetz.[8] Das „bewusste Zuhause“ des AwareHome-Teams stellte sich noch, wie so manch anderes visionäre Projekt, eine digitale Zukunft vor, die den Einzelnen dazu befähigt, ein effektiveres Leben zu führen. Von wesentlicher Bedeutung ist dabei, dass im Jahr 2000 diese Vision ganz selbstverständlich von einer kompromisslosen Zusage an die Intimität der persönlichen Erfahrung ausging. Sollte sich eine Person zu einer digitalen Erfassung ihrer Erfahrung entschließen, sie hätte sowohl den alleinigen Zugang zu dem aus solchen Daten gewonnenen Wissen als auch das alleinige Recht, darüber zu entscheiden, was mit diesem Wissen geschieht. Heute ist dieses Recht auf Privatsphäre, Wissen und seine Verwendung Opfer eines kühnen Marktabenteuers geworden, dessen Motor die einseitigen Ansprüche auf anderer Menschen Erfahrungen und das aus ihnen gewonnene Wissen sind. Was bedeutet dieser Wandel für uns, für unsere Kinder und für die Möglichkeit einer Zukunft des Menschen in einer digitalen Welt? 

Es geht um die Verfinsterung des digitalen Traums und dessen rapide Mutation zu einem ganz und gar neuen, gefräßigen, kommerziell orientierten Projekt, dem ich den Namen Überwachungskapitalismus gegeben habe.

Die menschliche Erfahrung als Rohstoff 

Überwachungskapitalismus beansprucht einseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten. Ein Teil dieser Daten dient der Verbesserung von Produkten und Diensten, den Rest erklärt man zu proprietärem Verhaltensüberschuss, aus dem man mit Hilfe künstlicher Intelligenz Vorhersageprodukte fertigt, die erahnen, was sie jetzt, in Kürze oder irgendwann tun. Und schließlich werden diese Vorhersageprodukte auf einer neuen Art von Marktplatz für Verhaltensvorhersagen gehandelt, den ich als Verhaltensterminkontraktmarkt bezeichne. So erpicht, wie zahllose Unternehmen darauf sind, auf unser künftiges Verhalten zu wetten, haben Überwachungskapitalisten es mittels dieser Operationen zu immensem Wohlstand gebracht.

Faktisch zwingt heute die Wettbewerbsdynamik die Überwachungskapitalisten zum Erwerb immer aussagekräftigerer Quellen für Verhaltensüberschuss, wie sie etwa unsere Stimmen, Persönlichkeiten und Emotionen darstellen. Und schließlich sind sie dahintergekommen, dass man die aussagekräftigsten Verhaltensdaten überhaupt durch den aktiven Eingriff in den Stand der Dinge bekommt, mit anderen Worten, indem man Verhalten anstößt, herauskitzelt, tunt und in der Herde in Richtung profitabler Ergebnisse treibt.

Motor dieser Entwicklung ist der Wettbewerbsdruck; Ergebnis dieses Wandels ist, dass automatisierte Maschinenprozesse unser Verhalten nicht nur kennen, sondern auch in einer wirtschaftlichen Größenordnung auszuformen vermögen. Angesichts dieser Abwendung vom bloßen Wissen hin zur Machtausübung genügt es nicht mehr, den Fluss der Informationen über uns zu automatisieren. Das neue Ziel besteht darin, uns selbst zu automatisieren. In dieser Evolutionsphase des Überwachungskapitalismus werden die Produktionsmittel zunehmend komplexen und umfassenden „Verhaltensmodifikationsmitteln“ untergeordnet. Auf diese Weise gebiert der Überwachungskapitalismus eine neue Spezies von Macht, die ich als Instrumentarismus bezeichne. Instrumentäre Macht kennt und formt menschliches Verhalten im Sinne der Ziele anderer. Anstatt Waffen und Armeen bedient sie sich zur Durchsetzung ihres Willens eines automatisierten Mediums: der zunehmend allgegenwärtigen rechnergestützten Architektur „intelligenter“ vernetzter Geräte, Dinge und Räume.

Es ist sehr schwierig geworden, diesem kühnen Marktprojekt zu entkommen, reichen seine Tentakel doch mittlerweile von der sachten Beeinflussung argloser Pokémon-Go-Spieler, ihr Geld in Restaurants, Bars, Imbissstuben und Geschäfte zu tragen, die für ihre Wetten auf den Verhaltensterminkontraktmärkten bezahlen, bis hin zur skrupellosen Enteignung von Facebook-Profilen zum Zweck der Ausformung individuellen Verhaltens – sei es der Kauf einer Pickelsalbe freitags um Viertel vor sechs, der Klick auf ein Paar Laufschuhe während des Endorphinschubs nach dem Jogging am Sonntagmorgen oder die Parlamentswahl kommende Woche. So wie der Industriekapitalismus sich zur fortwährenden Weiterentwicklung der Produktionsmittel für die Herstellung preiswerter Produkte gezwungen sah, so sind die Überwachungskapitalisten und ihre Klientel heute Sklaven der fortwährenden Weiterentwicklung ihrer Mittel zur Verhaltensmodifikation und der zunehmenden Gewalt instrumentärer Macht.

Der Überwachungskapitalismus läuft dem ursprünglichen digitalen Traum zuwider; das ursprüngliche Konzept des „bewussten Zuhauses“ ist dank seiner längst obsolet. Er macht Schluss mit der Illusion, der vernetzten Form wohne so etwas wie eine immanente Moral inne – dass „verbunden“ zu sein doch essenziell prosozial und integrativ sein müsse oder von Natur aus zur Demokratisierung von Wissen neige. Digitales Verbundensein ist heute ein Mittel, das anderen Leuten dazu dient, ihre geschäftlichen Ziele zu erreichen. Im Grunde seines Wesens ist der Überwachungskapitalismus parasitär und selbstreferenziell. Er haucht der alten Vorstellung vom Kapitalismus als sich von der Arbeit nährendem Vampir neues Leben ein – wenn auch mit einem von Marx nicht vorhergesehenen Dreh: Anstatt von Arbeit nährt der Überwachungskapitalismus sich von jeder Art menschlicher Erfahrung.

Google als Pionier

Erfunden und perfektioniert hat den Überwachungskapitalismus Google, und zwar so ziemlich auf dieselbe Art, wie General Motors den Managementkapitalismus erfunden und zur Vollendung gebracht hat. Google war der Pionier des Überwachungskapitalismus sowohl in der Theorie als auch in der Praxis; Google hatte das Geld für Forschung und Entwicklung; Google bahnte hinsichtlich Experiment und Implementierung den Weg. Nur dass das Unternehmen diesen Weg heute nicht mehr alleine geht. Der Überwachungskapitalismus breitete sich rasch auf Facebook und Microsoft aus, und es gibt Hinweise darauf, dass auch Amazon diesen Weg eingeschlagen hat. Und für Apple stellt er als Bedrohung von außen wie als Auslöser interner Debatten eine unablässige Herausforderung dar.

Als Pionier des Überwachungskapitalismus hat Google eine beispiellose Marktoperation losgetreten, einen Vorstoß in die unkartierten Weiten des Internets, wo es mangels Gesetz oder Wettbewerb so gut wie keine Hindernisse gab – die Analogie mit einer invasiven Spezies in einem Ökosystem ohne natürliche Feinde drängt sich auf. Man zögerte nicht, sich bestehenden Rechts zu bedienen, um sein Anrecht auf diesen rechtsfreien Raum geltend zu machen, und betrieb die systemische Geschlossenheit seiner Geschäfte mit einem halsbrecherischen Tempo, dem weder der Staat noch der Privatmensch zu folgen vermochte. Außerdem profitierte Google von den Wendungen der Geschichte. Da ein nationaler Sicherheitsapparat sich nach 9/11 zum Handeln gezwungen sah, zeigte er sich, um der Allwissenheit und ihres Gewissheitsversprechens willen, mehr als geneigt, Googles im Entstehen begriffene Möglichkeiten zu hegen, nachzuahmen, zu schützen, sich diese nötigenfalls sogar anzueignen.

Rasch erkannten die Überwachungskapitalisten, dass sie tun und lassen konnten, was sie wollten. Im modischen Gewand von Anwaltschaftlichkeit und Emanzipation machte man sich die Ängste der Zweiten Moderne zunutze, während die eigentliche Arbeit hinter den Kulissen stattfand. Die Überwachungskapitalisten arbeiteten dabei im Schutz der Unlesbarkeit automatisierter proprietärer Prozesse, der Unwissenheit, die diese Prozesse erzeugen, sowie des Gefühls der Unabwendbarkeit, das sie befördern.

Der Überwachungskapitalismus beschränkt sich längst nicht mehr auf den dramatischen Wettbewerb zwischen den großen Internetfirmen, deren Verhaltensterminkontraktmärkte zunächst nur auf die Online-Werbung gerichtet waren; seine ökonomischen Imperative und Mechanismen sind zum Standardmodell praktisch aller webbasierten Unternehmen geworden. Und schließlich sorgte der Wettbewerbsdruck dann auch für die Ausdehnung in die Offline-Welt, wo dieselben Grundmechanismen, die Sie online Ihres Browserverhaltens, Ihrer „Likes“ und Klicks enteignen, auf Ihr Jogging im Park, auf Ihre Frühstückskonversation und auf Ihre Jagd nach einem Parkplatz gerichtet sind.

Und die Verhaltensterminkontraktmärkte, auf denen heute Vorhersageprodukte gehandelt werden, erstrecken sich weit über die zielgerichtete Online-Werbung hinaus auf zahlreiche andere Geschäftsfelder, so etwa Versicherungen, Einzelhandel, Finanzwesen und ein wachsendes Spektrum von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, die fest entschlossen sind, an diesen neuen und profitablen Märkten teilzuhaben. Egal, ob es um „intelligente“ Geräte für zu Hause geht, um „verhaltensorientierte“ Versicherungsprämien oder irgendeine von Tausenden anderer Transaktionen, wir sehen uns entmündigt und müssen dafür auch noch bezahlen.

So gesehen sind die Produkte und Dienstleistungen des Überwachungskapitalismus mitnichten die Objekte eines Wertaustauschs; von einer konstruktiven Reziprozität zwischen Produzent und Konsument kann hier keine Rede mehr sein. Vielmehr sind sie „Köder“, die die Nutzer in seine ausbeuterischen Operationen locken, in denen man ihre persönliche Erfahrungswelt ausschlachtet und sie als Mittel, das den Zielen anderer Leute dient, verpackt und verkauft. Weder sind wir die „Kunden“ des Überwachungskapitalismus, noch gilt das Motto „wenn es nichts kostet, bist du das Produkt“. Wir sind die Quellen für den alles entscheidenden Überschuss des Überwachungskapitalismus – die Objekte einer technologisch fortgeschrittenen und zunehmend unentrinnbaren Operation zur Rohstoffgewinnung. Die eigentlichen Kunden des Überwachungskapitalismus sind die Unternehmen, die ihre Wetten auf seinen Märkten für künftiges Verhalten platzieren.

Gemäß dieser Logik erneuern wir täglich den zeitgenössischen faustischen Pakt. „Faustisch“ deshalb, weil es uns – trotz des Umstands, dass das, was wir dafür geben müssen, unser Leben auf immer verändern wird – nahezu unmöglich ist, uns diesem Pakt zu entziehen. Bedenken Sie Folgendes: Das Internet ist unabdingbar geworden für soziale Teilhabe; das Internet ist heute vom Kommerz bestimmt; dieser Kommerz ist heute dem Überwachungskapitalismus untergeordnet. Unsere Abhängigkeit steht demnach im Herzen des kommerziellen Überwachungsprojekts, in dem unser gefühltes Bedürfnis nach einem effektiven Leben mit der Neigung ringt, seinen dreisten Eingriffen zu widerstehen. Dieser Konflikt sorgt für eine seelisch-geistige Abstumpfung, die uns dickfellig macht gegenüber der Realität, getrackt, geparst, ausgewrungen und modifiziert zu werden. Sie sorgt für eine Neigung, uns die Lage in einer Art zynischer Resignation schönzureden, uns mit Ausflüchten – „ich habe ja nichts zu verstecken“ – zu verteidigen oder den Kopf sonst wie in den Sand zu stecken. Wir entscheiden uns also aus Überdruss und Hilflosigkeit für die Unwissenheit.[9] So zwingt uns der Überwachungskapitalismus, eine von Grund auf illegitime Entscheidung zu treffen, die eines Individuums im 21. Jahrhundert unwürdig ist. Und dass sie zum Normalfall wird, lässt uns, obschon in Ketten gelegt, auch noch jubilieren.[10]

Der Überwachungskapitalismus operiert mittels dieser beispiellosen Asymmetrien an Wissen und der Macht, die damit einhergeht. Überwachungskapitalisten wissen alles über uns, während ihre Operationen so gestaltet sind, uns gegenüber unkenntlich zu sein. Überwachungskapitalisten entziehen uns unermessliche Mengen neuen Wissens, aber nicht für uns; sie sagen unsere Zukunft nicht zu unserem, sondern zu anderer Leute Vorteil voraus. Solange wir dem Überwachungskapitalismus und seinen Verhaltensterminkontraktmärkten zu florieren gestatten, so lange wird der Besitz der neuen Verhaltensmodifikationsmittel den Besitz der Produktionsmittel als Ursprung kapitalistischen Wohlstands und der Macht im 21. Jahrhundert in den Schatten stellen. 

Der Schluss liegt nahe, dass es sich beim Überwachungskapitalismus um eine aus dem Ruder gelaufene, von neuartigen ökonomischen Imperativen getriebene Kraft handelt, die nicht nur soziale Normen ignoriert, sondern auch die Naturrechte aufhebt, die wir mit der Souveränität des Einzelnen verbinden und auf denen jede Möglichkeit von Demokratie an sich baut. 

So wie die Industriezivilisation auf Kosten der Natur florierte und uns heute die Erde zu kosten droht, wird eine vom Überwachungskapitalismus und seiner instrumentären Macht geprägte Informationszivilisation auf Kosten der menschlichen Natur florieren, womit sie uns unser Menschsein zu kosten droht. Das industrielle Erbe eines Klimadesasters erfüllt uns mit Schrecken, Gewissensbissen und Angst. Vor welchem ungeahnten Erbe von Schädigungen und Gewissensbissen werden sich dann künftige Generationen sehen, wenn der Überwachungskapitalismus die beherrschende Form des Informationskapitalismus unserer Zeit werden sollte?

Das Beispiellose

Unter den Gründen für die zahlreichen Triumphe des Überwachungskapitalismus ragt einer deutlich hervor: seine Beispiellosigkeit. Das Beispiellose ist seinem Wesen nach nicht zu erkennen. Begegnet uns etwas Beispielloses, interpretieren wir es zwangsläufig durch die Optik vertrauter Kategorien, was es uns unmöglich macht, es tatsächlich zu sehen. Ein klassisches Beispiel ist die Vorstellung vom „pferdelosen Wagen“, auf welche die Leute zurückgriffen, als sie sich zum ersten Mal mit dem beispiellosen Faktum eines „Motorwagens“ konfrontiert sahen. So sperrt sich das Beispiellose zwangsläufig unserem Verständnis, denn bestehende Sichtweisen heben das Vertraute hervor, während sie den Blick auf das Neue dadurch trüben, dass sie das Beispiellose lediglich als Auswuchs der Vergangenheit sehen. Durch diese Normalisierung des Abnormen gestaltet sich die Kampfansage an das Beispiellose nur umso schwieriger.

Seine Beispiellosigkeit hat es dem Überwachungskapitalismus ermöglicht, sich dem systematischen Wettbewerb zu entziehen, weil er durch vertraute Optiken einfach nicht hinlänglich zu erkennen ist. Wir verlassen uns bei unserer Kritik an überwachungskapitalistischen Praktiken auf Kategorien wie „Monopole“ oder die „Verletzung des Rechts auf Privatsphäre“. Aber selbst wenn man diese nicht außen vor lassen kann, weil überwachungskapitalistische Operationen auch Monopole sind und zweifelsohne eine Bedrohung der Privatsphäre darstellen, versagen diese Kategorien bei der Aufgabe, die ebenso wesentlichen wie beispiellosen Fakten des neuen Regimes zu identifizieren.

Unsere Anstrengungen, dem Beispiellosen zu begegnen, müssen mit der Erkenntnis beginnen, dass wir hinter dem Puppenspieler her sind und nicht hinter der Puppe. Eine erste Hürde vor einem Verständnis ist die Verwechslung des Überwachungskapitalismus mit den Technologien, derer er sich bedient. Der Überwachungskapitalismus ist keine Technologie; er ist vielmehr die Logik, die die Technologie und ihr Handeln beseelt. Der Überwachungskapitalismus ist eine Marktform, die außerhalb des digitalen Milieus unvorstellbar ist, aber sie ist nicht mit „dem Digitalen“ gleichzusetzen. Wie wir an der „AwareHome“-Episode gesehen haben, kann das Digitale viele Formen annehmen, je nach der sozialen und ökonomischen Logik, die ihm Leben einhaucht. Den Preis, in diesem Falle Knechtung und Hilflosigkeit, weist ihm der Überwachungskapitalismus zu, nicht etwa die Technologie.

Dass es sich beim Überwachungskapitalismus um Logik in Aktion handelt und nicht um eine Technologie, ist schon deshalb ein wesentlicher Punkt, weil Überwachungskapitalisten uns ihre Praktiken als unvermeidbare Funktionen der von ihnen eingesetzten Technologien zu verkaufen versuchen. 2009 zum Beispiel wurde sich die Öffentlichkeit zum ersten Mal bewusst, dass Google unseren Suchverlauf zeitlich unbegrenzt speichert, dass diese Daten mit anderen Worten nicht nur Rohstoffvorkommen sind, sondern auch Nachrichtendiensten und Strafverfolgungsbehörden zugänglich sind. Nach diesen Praktiken gefragt, sinnierte der damalige CEO des Unternehmens, Eric Schmidt: „Tatsache ist, dass Suchmaschinen wie Google diese Informationen für einige Zeit speichern.“[11]

Suchmaschinen speichern jedoch nicht von sich aus; es ist der Überwachungskapitalismus, der speichern lässt. Schmidts Aussage ist klassische Irreführung. Sie versucht, der Öffentlichkeit kommerzielle Imperative als technische Notwendigkeiten anzudrehen. Sie verschleiert die konkreten Praktiken des Überwachungskapitalismus ebenso wie die spezifischen Entscheidungen hinter Googles spezieller Art von Suche. Vor allem aber stellt sie die Praktiken des Überwachungskapitalismus als unvermeidbar hin, wo sie doch in Wirklichkeit ebenso akribisch kalkulierte wie üppig finanzierte Mittel zu eigennützigem kommerziellen Handeln sind. Bei allem futuristischen Raffinement digitaler Innovation unterscheidet sich die Message überwachungskapitalistischer Unternehmen kaum von dem Motto, unter dem 1933 die Chicagoer Weltausstellung stand: „Science Finds – Industry Applies – Man Conforms“: „Die Wissenschaft [er]findet – Die Industrie wendet an – Der Mensch passt sich an“.

Technologie existiert nie für sich selbst, nie unabhängig von Wirtschaft und Gesellschaft. Das wiederum impliziert, dass es so etwas wie technologische Unvermeidbarkeit schlicht nicht gibt. Eine Technologie ist nie Selbstzweck, sondern immer ökonomisches Mittel: In der Moderne ist die DNA der Technologie in ihrem Wesen am jeweiligen Muster „ökonomischer Orientierung“ ausgerichtet, wie Max Weber es nennt.[12]

Wirtschaftliche Ziele sind laut Max Weber integraler Bestandteil sowohl bei der Entwicklung als auch im Einsatz von Technologie. „Wirtschaften“, er meint damit ökonomisches Handeln, bestimme die Ziele, wogegen die Technologie nur die „geeigneten Mittel“ stelle. In einer modernen kapitalistischen Gesellschaft ist Technologie Ausdruck ökonomischer Zielsetzung, die ihre Umsetzung dirigiert. Das war immer so und wird auch immer so bleiben.

Der Überwachungskapitalismus setzt viele Technologien ein, kann aber nicht mit irgendeiner dieser Technologien gleichgesetzt werden. Seine Operationen mögen sich Plattformen bedienen, sind aber nicht mit diesen gleichzusetzen. Er bedient sich der Maschinenintelligenz, ist aber nicht auf diese zu reduzieren. Er produziert und stützt sich auf Algorithmen, ist aber nicht dasselbe wie ein Algorithmus. Die einzigartigen ökonomischen Imperative des Überwachungskapitalismus sind die Puppenspieler, die hinter dem Vorhang die Drähte der Maschinen ziehen, sie ausrichten, sie handeln lassen. Diese Imperative, um eine weitere Metapher zu bemühen, sind das weiche Gewebe des Körpers, das beim Röntgen zwar nicht zu sehen ist, aber die eigentliche Arbeit der Verbindung zwischen Muskeln und Knochen zu leisten hat.

Wir sind nicht die Ersten, die auf die technologische Illusion hereinfallen. Es handelt sich dabei um ein Thema gesellschaftstheoretischen Denkens, das mindestens so alt ist wie das Trojanische Pferd. Und dennoch vergisst jede Generation aufs Neue, dass Technik stets Ausdruck ganz anderer Interessen ist. In der Moderne sind das die Interessen des Kapitals, und in unserer Zeit ist es das Überwachungskapital, welches das digitale Milieu dirigiert und damit unseren Weg in die Zukunft bestimmt. Wir müssen daher die Gesetzmäßigkeiten des Überwachungskapitalismus durchschauen; schließlich sind sie es, die heute diese exotischen Trojanischen Pferde beseelen, die uns mit uralten Fragen konfrontieren, während sie sich auf unser Leben zubewegen, unsere Gesellschaften, unsere Zivilisation.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns vor einem Abgrund wie diesem sehen. „Wir stolpern jetzt schon geraume Zeit so dahin in unserem Versuch, eine neue Zivilisation auf herkömmliche Weise zu führen, aber es wird langsam Zeit für eine Neugestaltung der Welt.“[13] 1912 legte Thomas Edison in einem Brief an Henry Ford seine Vision einer neuen Industriezivilisation dar. Edison machte sich Sorgen, die hartnäckige Macht von Raubkapitalismus und Monopolökonomien könnte das Potential des Industrialismus zum Fortschritt der Menschheit hintertreiben. Er kritisierte den amerikanischen Kapitalismus als „verschwenderisch“ und „grausam“: „Unsere Produktion, unsere Fabrikgesetze, unsere Wohlfahrtseinrichtungen, unsere Beziehungen von Kapital und Arbeit, unser Vertrieb – alles verkehrt, Leerlauf, wohin man sieht.“ Sowohl Edison als auch Ford verstanden, dass die moderne Industriezivilisation, in die sie so große Hoffnungen setzten, einer Finsternis entgegentaumelte, die von Elend für die vielen und Wohlstand für die wenigen gekennzeichnet war.

Für unseren Diskurs von besonderer Bedeutung ist, dass beide, Edison wie Ford, eines begriffen hatten: Das moralische Leben der Industriezivilisation würde durch die Praktiken des Kapitalismus geformt werden, der zu ihrer Zeit auf dem Weg zur Vorherrschaft war. Beide waren sie überzeugt davon, dass Amerika und letztlich die ganze Welt einen neuen, vernünftigeren Kapitalismus erarbeiten müssten, um eine Zukunft konfliktträchtigen Elends abzuwenden. Edisons Ansicht nach wäre dabei alles neu zu gestalten – neue Technologien, ja, aber diese hätten eine neue Art des Verständnisses für die Bedürfnisse der Menschen und deren Befriedigung zu reflektieren; es bräuchte ein neues Wirtschaftsmodell, das diese neuen Praktiken profitabel machen könnte; aber es bräuchte auch einen neuen Gesellschaftsvertrag, der all das zu tragen vermochte. Ein neues Jahrhundert war angebrochen, aber die Evolution des Kapitalismus gehorchte, wie der Mahlstrom der Zivilisationen, weder einem Kalender noch einer Uhr. Man schrieb das Jahr 1912, und das 19. Jahrhundert weigerte sich, seinen Anspruch auf das 20. aufzugeben.

Dasselbe ließe sich über unsere Zeit sagen. Während ich diese Worte schreibe, befinden wir uns bereits mitten im zweiten Jahrzehnt des 21., sehen uns aber nach wie vor in den Klauen des ökonomischen und sozialen Wettstreits des 20. Jahrhunderts. Dieser Wettstreit bildet die Bühne, auf welcher der Überwachungskapitalismus sein Debüt feierte und sich als Urheber eines neuen Kapitels in der langen Saga der kapitalistischen Evolution zum Star zu entwickeln begann. Der Überwachungskapitalismus ist kein Unfall übereifriger Technologen, sondern ein aus dem Ruder gelaufener Kapitalismus, der gelernt hat, seine historischen Bedingungen raffiniert auszubeuten und seinen Erfolg zu verteidigen.

Staatsstreich von oben 

Seine Kräfte sammelte die instrumentäre Macht des Überwachungskapitalismus auch außerhalb der Demokratie. Demokratische Gesellschaften kennzeichnet ein hohes Maß an Schutzlosigkeit gegenüber beispiellosen Formen von Macht, und es kann kein Gesetz geben, das uns vor dem Beispiellosen schützt. Von dieser Warte aus können wir den Überwachungskapitalismus als Teilbewegung einer alarmierenden globalen Abtrift hin zu einer Aufweichung der öffentlichen Zustimmung zur Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit der Demokratie selbst betrachten, die viele Politologen heute beobachten.

Durch die erfolgreiche Durchsetzung des Anspruchs auf Freiheit und Wissen sowie auf seine strukturelle Unabhängigkeit vom Menschen – weder als Angestellte noch als Kundschaft – manövriert uns der Überwachungskapitalismus heute mittels der radikalen Indifferenz, die diese Ansprüche sowohl bedingen als auch ermöglichen und aufrechterhalten, einer Gesellschaft entgegen, in der der Kapitalismus nicht länger als Mittel inklusiver politischer und ökonomischer Institutionen funktioniert. Stattdessen müssen wir den Überwachungskapitalismus als das erkennen, was er ist: eine zutiefst antidemokratische soziale Kraft. 

Der antidemokratische und antiegalitäre Moloch des Überwachungskapitalismus lässt sich am besten als marktorientierter Coup d‘État von oben beschreiben. Er ist kein Staatsstreich im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Coup de Gens im Gewand des technologischen Trojanischen Pferds. Kraft seiner dreisten Annexion menschlicher Erfahrung bringt dieser Putsch es zu exklusiven Konzentrationen von Wissen und Macht, mit denen er seinen privilegierten Einfluss auf die Wissensteilung in der Gesellschaft aufrechterhält. Damit privatisiert er das zentrale Prinzip sozialer Ordnung im 21. Jahrhundert. Es handelt sich hier um eine Form der Tyrannei, die sich vom Menschen nährt, aber nicht vom Menschen ist.

Ich benutze das Wort „Tyrannei“ hier nicht leichtfertig. Wie der instrumentäre Schwarm ist die Tyrannei die Auslöschung von Politik. Der Überwachungskapitalismus herrscht mittels instrumentärer Macht, die wie der Tyrann außerhalb der Menschheit existiert, während sie paradoxerweise menschliche Gestalt annimmt. Die Tyrannei des Überwachungskapitalismus erfordert die Peitsche des Despoten ebenso wenig wie die Konzentrationslager und Gulags des Totalitarismus. Alles, was nötig ist, findet sich in beruhigenden Messages und Emoticons, im sachten Drängen und Schieben der anderen und dem unwiderstehlichen Ansporn zur Konfluenz, in den Sensoren in Ihrem Hemd und der einlullenden Stimme, die Ihnen Ihre Fragen beantwortet, dem Fernseher, der Sie hört, dem Haus, das Sie kennt, dem Bett, das Ihrem nächtlichen Flüstern lauscht, dem Buch, das Sie liest... 

Der Aufstieg der instrumentären Macht ist freilich als unblutiger Putsch geplant; statt der gegen unsere Körper gerichteten Gewalt gleicht die instrumentäre Dritte Moderne eher einer Dressur. Ihre Lösung für die immer lauteren Forderungen nach einem effektiven Leben fußt auf dem allmählichen Ausmerzen von Chaos, Ungewissheit, Anomalien und Konflikt zugunsten von Vorhersagbarkeit, automatisierter Regelmäßigkeit, Transparenz, Konfluenz, Überredung und Befriedung. Man erwartet von uns, unsere Autorität abzutreten, uns keine Sorgen zu machen, den Mund zu halten, uns treiben zu lassen und uns den technologischen Visionären zu beugen, deren Reichtum und Macht als Beweis für ihre überlegene Urteilskraft stehen sollen. Man geht davon aus, dass wir uns einer Zukunft ergeben, in der wir über weniger Kontrolle verfügen und machtloser sind denn je, in der uns neue Quellen der Ungleichheit spalten und unterwerfen, in der einige von uns Herren sind und viele untertan, in der einige Stimulus sind und die vielen anderen nichts weiter als bloße willenlose Reaktion.

Der Beitrag basiert auf „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, dem neuen Buch der Autorin, das im Campus Verlag erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Bernhard Schmid.

[1] Cory D. Kidd u.a., The Aware Home: A Living Laboratory for Ubiquitous Computing Research, in: Proceedings of the Second International Workshop on Cooperative Buildings, Integrating Information, Organization, and Architecture, London 1999, S. 191-198.

[2] Vgl. Global Smart Homes Market 2018 by Evolving Technology, Projections & Estimations, Business Competitors, Cost Structure, Key Companies and Forecast to 2023, www.reuters.com, 19.2.2018.

[3] Ron Amadeo, Nest Is Done as a Standalone Alphabet Company, Merges with Google, www.arstechnica.com, 7.2.2018; Leo Kelion, Google-Nest Merger Raises Privacy Issues, www.bbc.com, 8.2.2018.

[4] Vgl. Kelion, Google-Nest Merger, a.a.O.

[5] Vgl. Nest to Join Forces with Google’s Hardware Team, www.blog.google, 7.2.2018.

[6] Grant Hernandez, Orlando Arias, Daniel Buentello, Yier Jin, Smart nest thermostat: A smart spy in your home, www.blakhat.com, 2014.

[7] Guido Noto La Diega, Contracting for the ‚Internet of Tings’: Looking into the Nest, www.papers.ssrn.com 16.11.2017.

[8] Grant Hernandez u.a., Smart nest thermostat, a.a.O. 

[9] Für eine hellsichtige frühe Darstellung dieser Themen vgl. Landon Winner, A victory for computer populism, in: „Technology Review“,4/1991, S. 66.

[10] Die Wendung verdanke ich Roberto Mangabeira Unger, The Dictatorship of No Alternatives, in: What Should the Left propose?, London/New York 2006, S. 1-11.

[11] Jared Newman, Google’s Schmidt Roasted for Privacy Comments, www.pcworld.com, 11.12.2009.

[12] Max Weber, Grundriss der Sozialökonomik, III. Abteilung, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922.

[13] Edison in einem Brief an Henry Ford, 1912, vgl. Raymond Léopold Bruckberger, A Second U.S. Revolution that shook all Mankind, in: „Life“, 13.7.1959, S. 96.

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema