Ausgabe März 2019

Erzwungenes Schweigen: Wie Männer Frauen mundtot machen

Schreiende Frau

Bild: luna4 / photocase.de

Frauen, die stranguliert werden, kooperieren nur selten mit der Polizei. Eine nicht tödliche Strangulation ist durchaus gefährlich, da sie noch Stunden, Tage und sogar Wochen später aufgrund von Komplikationen durch den Sauerstoffmangel im Gehirn zum Tod führen kann.[1] Außerdem führt sie zu Verletzungen der Kehle, die nicht unbedingt Spuren hinterlassen. Wenn man nicht weiß, wie man die Kehle eines Opfers untersuchen muss, worauf man in ihren Augen achten sollte (punktförmige Einblutungen, sogenannte Petechien) und welche Fragen zu stellen sind, kann es so scheinen, als sei kein Schaden entstanden. Häufig wird die Angelegenheit nicht weiterverfolgt. Die Frau lässt sich vielleicht nicht einmal medizinisch behandeln. Alle „hüllen sich in Schweigen“ über den Vorfall. Manche Frauen wachen am nächsten Morgen oder irgendwann später einfach nicht mehr auf.

Bei Opfern eines nicht tödlichen Angriffs besteht dagegen eine etwa siebenfach erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer eines weiteren Tötungsversuchs durch denselben Täter werden. Dennoch gibt es in vielen US-Bundesstaaten keine spezifische gesetzliche Regelung, die Strangulation als Verbrechen einstufen würde; somit ist sie eine einfache Tätlichkeit, typischerweise ein Vergehen.

Strangulation ist eine weit verbreitete Form von Gewalt zwischen Intimpartnern und kommt zudem gelegentlich in anderen familiären Beziehungen vor. Offenbar beschränkt sie sich nicht auf bestimmte geographische Gebiete, sondern ist überall dort nachweislich vorhanden, wo entsprechende Daten verfügbar sind. In vielen, zumal ärmeren Ländern werden solche Daten allerdings gar nicht erhoben.

Strangulation kann entweder mit bloßen Händen oder mit Hilfsmitteln wie Seil, Gürtel, Strick, Elektrokabel oder Ähnlichem erfolgen. In einem jüngst in lokalen Nachrichtenmedien in Florida gemeldeten Fall wurde eine fünfundsiebzigjährige Frau mit einer Hundeleine aus Metall stranguliert, als sie ihren Hund spazieren führte. Der Mann, der sie angriff, war offenbar ein Fremder, was durchaus atypisch ist.[2]

Die große Mehrheit der Strangulierungsopfer sind weibliche Intimpartner, obwohl auch Kinder überproportional anfällig sind. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sind die Täter laut Metastudien Männer.[3] Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass mehr als nur ein kleiner, vielleicht sogar verschwindend geringer Prozentsatz der Männer Frauen strangulieren.[4] Es besteht ein offenkundiger Unterschied zwischen „(fast) ausschließlich“ und „(nahezu) alle“, der jedoch durch verallgemeinernde Behauptungen wie „Männer strangulieren“ verwischt werden kann.[5]

Ein weiterer Punkt ist hier anzumerken: Strangulation ist Folter. Forscher vergleichen Strangulation mit Waterboarding, und zwar sowohl in Hinblick auf die Gefühle, die es auslöst – Schmerz, Angst und Schrecken –, als auch auf die damit einhergehende soziale Bedeutung. Strangulation gilt als Demonstration von Autorität und Herrschaft. Als solche ist sie in Verbindung mit ihrem genderspezifischen Charakter ein paradigmatischer Ausdruck der Misogynie.

Zur Aufrechterhaltung der patriarchalischen Ordnung

Misogynie belegt eine bestimmte (mehr oder weniger klar umrissene) Kategorie von Mädchen und Frauen mit feindseligen oder negativen Konsequenzen, um gesellschaftliche Normen durchzusetzen und zu überwachen, die entweder theoretisch (das heißt inhaltlich) oder praktisch (in den Mechanismen der Normdurchsetzung) genderspezifisch sind. Dabei können sowohl der Inhalt der eigentlichen Normen als auch die Mechanismen ihrer Durchsetzung je nach der sozialen Stellung der unterschiedlich situierten Mädchen und Frauen stark variieren. Misogynie ist somit ein Mittel, die patriarchalische Ordnung aufrechtzuerhalten. Charakteristisch ist auch die Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dieser Praxis sowie die Tatsache, dass viele Opfer sie bagatellisieren oder – wie ich im Weiteren erörtern werde – durch „Gaslighting“ zu Zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung getrieben werden.

Da Strangulationsopfer nur äußerst widerstrebend gegen ihre Angreifer aussagen, setzen sich manche Ermittlungsbeamte mittlerweile dafür ein, eine Strafverfolgung der Täter aufgrund von Indizien zu betreiben, weil das Opfer des Verbrechens zuvor eingeschüchtert oder sozusagen „erstickt“ wurde. Das erinnert an Kristie Dotsons Ausdruck „testimonial smothering“ (Aussageunterdrückung) für das Phänomen, dass ein Sprecher sich selbst zum Schweigen bringt, weil bestimmte Äußerungen riskant oder unsicher und ohnehin vermutlich vergebens sind, da es den Zuhörern an „Aussagekompetenz“ fehlt, was aus ihrer „gefährlichen Ignoranz“ resultiert (oder zu resultieren scheint).[6] Es liegt auf der Hand, dass Strangulation in einer intimen Beziehung tendenziell zu einer nach diesen Kriterien definierten Aussageunterdrückung in Dotsons Sinn führt. Wenn die Frau aussagt, macht die demonstrierte Bereitschaft des Mannes, alles Erforderliche zu tun, um wieder die Oberhand zu gewinnen, die Situation gefährlich. Und wie sich noch zeigen wird, ist die mangelnde Kompetenz in Bezug auf das Konzept der Strangulation extrem weit verbreitet. Diese Inkompetenz ist das Ergebnis einer gefährlichen Ignoranz, die Misogynie speist und gedeihen lässt.

Pars pro toto – Donald Trump

Wie Dotsons Arbeit zu epistemischer Unterdrückung gezeigt hat, lassen sich Menschen auf mancherlei Art zum Schweigen bringen. Hier nur eine metaphorische Anmerkung zu einigen der Möglichkeiten, die sie eingehend analysiert: Man kann einer Frau Worte in den Mund legen. Man kann ihr mit ehrerbietigen Plattitüden das Maul stopfen. Man kann ihr drohen, sie müsse bestimmte Dinge, die sie sagen könnte, zurücknehmen, um ihrer möglichen Aussage oder auch nur ihrer Erkenntnis, was ihr und anderen passiert, vorzubeugen. Man kann mauern und dafür sorgen, dass ihre Äußerungen zum Scheitern verurteilt sind und völlig aus der Luft gegriffen erscheinen.

Man kann sie darauf trainieren, nicht „strangulieren“ zu sagen, sondern „den Atem rauben“ oder noch besser „packen“, am besten aber gar nichts. Es war doch nichts: Es ist nichts passiert. Wenn etwa Donald Trump damit angibt, Frauen an den Genitalien zu packen, wird daraus „Umkleideraumgerede“, als ob das genügen würde, um jeglichen Kommentar zu unterbinden.[7] Viele sahen es denn auch tatsächlich so.

Trumps erste Ehefrau Ivana hatte in einer eidesstattlichen Aussage zur Scheidung erklärt, Trump habe sie vergewaltigt. Laut seinem Sprecher war das jedoch „altbekannt und ist nie passiert“. Und nach den Angaben seines Anwalts Michael Cohen war es „nicht das Wort, das Sie daraus zu machen versuchen“. Ivana Trump habe sich „emotional vergewaltigt gefühlt [...]. Sie bezog sich damit nicht auf eine kriminelle Handlung und meinte es nicht buchstäblich, obwohl das Wort viele buchstäbliche Bedeutungen haben kann.“ Das äußerte Cohen, nachdem er (gegenüber einem Reporter von „Daily Beast“) vehement vertreten hatte, es könne sich gar nicht um eine Vergewaltigung gehandelt haben, da man laut gut etablierten juristischen Präzedenzfällen seine eigene Frau nicht vergewaltigen könne. Umgehend kam der Hinweis, dass man Vergewaltigung in der Ehe bereits einige Jahre vor diesem Vorfall unter Strafe gestellt hatte – beschämend spät, aber keineswegs spät genug, um Donald Trump automatisch von Schuld freizusprechen.

Also brauchte man andere semantische Ausflüchte. Die Auseinandersetzung habe auf „emotionaler“ Ebene stattgefunden, das Problem läge im Grunde also ausschließlich in Ivanas Kopf. Es sei kein Vergehen „im strafrechtlichen Sinne“ gewesen, wie sie selbst auf Drängen (wieder von Trumps Anwälten) als Dementi hinzufügen musste, als 1993 Harry Hurts Buch „The Lost Tycoon“ mit einer auf ihrer Darstellung basierenden Schilderung des Vorfalls erschien. Trump wies die Behauptungen in Bausch und Bogen zurück, ging dabei aber nur auf ein Detail ihrer Geschichte ein – auf das ich später zurückkomme.

Eine solche Leugnung kann vielerlei Formen annehmen. „Es ist keine Vergewaltigung, nicht ganz, aber doch unerwünscht, gänzlich unerwünscht“, so beschreibt der zweiundfünfzigjährige Professor David Lurie, Hauptfigur in J. M. Coetzees Roman „Schande“, den Sex mit seiner Studentin Melanie. „Als hätte sie sich entschlossen, ganz schlaff zu werden, sich tot zu stellen, so lange es dauert, wie ein Kaninchen, wenn die Fänge des Fuchses sich in seinem Nacken verbeißen.“

Wie nennt man das? Wenn nicht ganz Vergewaltigung, wie denn dann?[8] Trumps Anwalt Michael Cohen warnte den „Daily Beast“-Reporter, der ihn auf diese Geschichte ansprach, sie überhaupt zu erwähnen. Andernfalls schwor er ihm: „Ich werde dafür sorgen, dass Sie und ich uns eines Tages vor Gericht wiedersehen. Und ich werde Ihnen jeden Penny nehmen, den Sie noch gar nicht haben. Ich werde hinter Ihrem ‚Daily Beast‘ und jedem anderen her sein, den Sie vielleicht kennen [...]. Ich warne Sie, seien Sie verdammt vorsichtig, denn das, was ich mit Ihnen machen werde, wird verdammt unangenehm werden. Verstanden?“

Cohen erklärte weiter: „Es ist nicht vernünftig, dass Sie eine Story darüber schreiben wollen, wie jemand das Wort ‚Vergewaltigung‘ gebraucht, wenn sie davon spricht, dass sie sich emotional nicht befriedigt gefühlt hat.“

Dann wiederholte er: „Das Wort hat zwar viele buchstäbliche Bedeutungen, aber wenn Sie es entstellen und Mr. Trumps Namen damit in Verbindung bringen, seien Sie versichert, dann werden Sie die Konsequenzen tragen. Machen Sie also, was Sie wollen. Wollen Sie mit zwanzig Ihr Leben ruinieren? Machen Sie das, und ich sorge nur zu gern dafür.“[9] Trumps Wahlkampfteam versuchte, ihn von diesen Drohungen zu distanzieren. „Mr. Trump wusste nichts von [Cohens] Äußerungen, aber er ist nicht damit einverstanden [...]. Niemand außer Mr. Trump spricht für Mr. Trump“, erklärte sein Sprecher.[10]

Mittlerweile hat Ivana ihre frühere, im Scheidungsverfahren beeidete Darstellung allem Anschein nach vehement genug für sie beide dementiert. Sie behauptet, ihre eigene Schilderung entbehre „jeglicher Grundlage“. Als der oben zitierte Artikel im „Daily Beast“ erschien, gab sie eine Presseerklärung heraus: „Kürzlich habe ich einige mir zugeschriebene Äußerungen gelesen, die ich vor dreißig Jahren in einer äußerst angespannten Phase während meiner Scheidung von Donald gemacht haben soll. Die Geschichte entbehrt jeglicher Grundlage. Donald und ich sind die besten Freunde und haben gemeinsam drei Kinder großgezogen, die wir lieben und auf die wir sehr stolz sind.“[11]

Das ist der Mann, über den sie einmal erzählte, er habe ihr ganze Büschel Haare ausgerissen aus Wut, weil sie ihm den Chirurgen empfohlen hatte, der seine Kopfhautoperation verpfuscht hatte – die offensichtlich nicht nur erfolglos, sondern auch schmerzhaft war. Wie Ivana schrieb, „rammte“ ihr Mann anschließend ohne Vorwarnung (daher also nicht einvernehmlich) seinen Penis in sie hinein. Nach ihrer Schilderung fragte er sie am nächsten Morgen grinsend und „mit drohender Beiläufigkeit“: „Tut’s weh?“ Offensichtlich wollte er, dass es wehtat. Er wollte ihr heimzahlen, dass sein Kopf schmerzte. Trump bestreitet an dieser Darstellung nur einen Punkt: den Eingriff gegen ein nicht vorhandenes Problem, nämlich seine beginnende Glatze.[12]

Ivanas Presseerklärung endete mit den Sätzen: „Ich empfinde für Donald ausschließlich Zuneigung und wünsche ihm viel Glück mit seinem Wahlkampf. Im Übrigen finde ich, er wäre ein unglaublicher Präsident.“ (Und tatsächlich reicht Trumps Präsidentschaft inzwischen längst an die Grenzen des Unglaublichen heran.)

Stimmbrüche oder: Gebrochene Stimmen

Zuweilen fällt es schwer, die Stimme von Frauen wiederzuerkennen, die einst unverhohlen und öffentlich über den Missbrauch durch ihren Mann gesprochen haben.

Lisa Henning war fest entschlossen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, und empfahl anderen Frauen, es ebenso zu machen, statt etwas an dem missbräuchlichen Verhalten ihres Mannes ändern zu wollen. Sie habe erkannt, dass sie ihn nicht ändern könne, erklärte sie. Daher verließ sie ihn und verlor alles: „Das Wichtige für mich und, wie ich glaube, für die meisten Frauen ist, dass wir aufhören müssen, uns auf die Männer und das, was sie tun und wie wir sie ändern können, zu konzentrieren. Wir müssen anfangen, uns auf uns selbst zu fokussieren. Wir können sie nicht kontrollieren. Es muss wieder um uns selbst gehen.“ Dieses Zitat von Lisa Henning stammt aus ihrem Auftritt in der Oprah Winfrey Show im Jahr 1990, wo sie unter dem Pseudonym „Ann“ mit großer Sonnenbrille und Perücke erschien. Die Episode hieß „Geschlagene Oberschichtfrauen“. Henning sprach redegewandt über die patriarchalischen Kräfte, die sie ohne Aussicht auf juristische Hilfe oder den erwarteten Schutz gelassen hatten. Sie legte dar, dass die Gesellschaft nicht auf ihrer Seite stand, zumal ihr Mann ein wohlhabender und äußerst erfolgreicher Anwalt war. Das lag auf der Hand: „Besonders wenn du gegen das Rechtssystem kämpfst [...]. Es ist ein sehr patriarchalisches System. Das sind gute alte Freunde. Und sie stecken da zusammen, und wir haben gegen sie ein großes, großes Problem.“

Das große Problem war teilweise, dass ihr Mann rechtlich Straffreiheit besaß und das allzu gut wusste. Er konnte tun, was er wollte, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Und was er wollte, war brutal, wie Lisa Henning aussagte. Sie gab im Rahmen ihres Scheidungsverfahrens in einer eidesstattlichen Erklärung an, er habe sie brutal geschlagen und vor allem gewürgt: „Er griff mich an, würgte mich, warf mich zu Boden, schlug mich auf den Kopf, stieß mir das Knie in die Brust, verdrehte mir den Arm und schleifte mich über den Boden, schleuderte mich gegen die Wand, versuchte mich daran zu hindern, dass ich den Notruf wählte, und trat mich in den Rücken.“ Henning sagte zudem aus, er habe sie im Auto geschlagen und zweimal sei die Polizei in ihre gemeinsame Wohnung gerufen worden. Dennoch erklärte sie in der Oprah Winfrey Show: „Das Beängstigendste war, ihn zu verlassen, denn sobald ich den Bruch vollzogen und öffentlich gemacht hatte, und man darf nicht vergessen, dass mein Mann in der Öffentlichkeit stand – jeder kannte ihn und wusste, was er tat –, und sobald ich das öffentlich machte, schwor er Rache. Er sagte: „Ich sehe dich in der Gosse. Das wird nie vorbei sein. Dafür wirst du bezahlen.“

Lisa Henning hat inzwischen wieder geheiratet und heißt nun Lisa Fierstein. 2016 erfuhr sie, dass Donald Trump ihren Ex-Mann Andrew Puzder für das Amt des Arbeitsministers ausersehen hatte. Alle wussten von den Anschuldigungen. Doch nachdem man Senatsmitgliedern die Aufzeichnungen der Oprah Winfrey Show in einer geschlossenen Vorführung gezeigt und anschließend den Medien zugänglich gemacht hatte, war es im Grunde für ihn vorbei. Puzder zog seine Kandidatur zurück.

Aber warum? Lisa Henning hatte ihre Darstellung widerrufen. Lisa Fierstein behauptet, sie – vielmehr ihr früheres Ich, Lisa Henning – habe alles frei erfunden. Der Anwalt, der sie bei ihrer Scheidung vertreten hatte, erklärte, er habe ihr damals geglaubt, glaube ihr nun jedoch nicht – teils aufgrund ihrer medizinischen Befunde, teils aufgrund ihrer Gespräche. Seiner Ansicht nach verhehlt sie heute, dass der Missbrauch passiert ist, oder vielleicht besser: Er glaubt nach wie vor der Aussage der früheren Lisa. „Ich fand ihre Geschichte nicht nur glaubwürdig, sondern wahr“, erklärte er.[13] Puzder dagegen stritt den Missbrauch sowohl in einer eidesstattlichen Erklärung für sein Scheidungsverfahren als auch in einem Artikel in der „Riverfront Times“ ab und erklärte, die Anschuldigungen seiner Ex-Frau Lisa Henning „entbehrten jeglicher Grundlage.“

„Es gab zu keiner Zeit einen körperlichen Missbrauch“, versicherte er. Lisa Fierstein stimmt ihrem Ex-Mann mittlerweile voll und ganz zu. In einer E-Mail vom 30. November 2016 erklärte sie rundheraus und, wie der oben erwähnte Artikel treffend formulierte, kategorisch: „Du warst nicht gewalttätig.“ Sie schrieb: „Du weißt, dass ich viele der übereilten Entscheidungen, die ich damals getroffen habe, zutiefst bereue, und ich hoffe inständig, dass keine dieser Entscheidungen heute für dich zum Problem wird. Ich habe ohne dein Wissen aus einem Impuls heraus die Scheidung eingereicht und erhielt damals den anwaltlichen Rat, den Vorwurf des Missbrauchs zu erheben. Diesen Entschluss habe ich bereut und bereue ihn immer noch und habe die Anschuldigungen vor dreißig Jahren zurückgenommen. Du warst nicht gewalttätig. Ich werde jedem, der danach fragt, definitiv bestätigen, dass es in keiner Weise Missbrauch gab. Wir hatten hitzige Auseinandersetzungen. Wir haben einander beide Dinge gesagt, die wir bis heute bereuen. Ich war immer dankbar, dass wir uns die Kränkungen, die wir uns zugefügt haben, haben verzeihen können.“ So viel „Reue“ – viermal in zwei Absätzen. Mit wachsender Überzeugung heißt es weiter in der E-Mail: „Du und ich haben das vor langer Zeit geklärt. Mittlerweile haben wir es hinter uns gelassen und pflegen inzwischen eine meiner Ansicht nach liebevolle und respektvolle Beziehung. Dies ist ein Zeugnis deiner Integrität und deines Anstands. Es wäre nicht möglich, wenn du ein gewalttätiger, missbrauchender Ehemann gewesen wärst. Das warst du nicht. Ich wünsche dir nur das Beste in allen deinen Bestrebungen. Ich weiß, dass du eine exzellente Ergänzung für das Trump-Team wärst.“[14]

Ein permanenter, bleibender Schaden – aber ohne Spuren

Nun versteht man, wieso die Senatoren, die zunächst die Aufzeichnung der Oprah Winfrey Show sahen und dann diese E-Mail lasen, wohl die Reißleine zogen.[15] Die Kehrtwende hin zu ihrem Ex-Mann ist verblüffend. Sie ist keine Erklärung, sondern das, was Logiker einen Möglichkeitsbeweis nennen: ein Beweis der Möglichkeit, dass eine Frau eine solche E-Mail schreibt, nachdem sie – als „Ann“ getarnt – in der Oprah Winfrey Show aufgetreten ist, um die oben zitierten Äußerungen zu machen. Zudem hatte Lisa Henning (als „Ann“) ausgeführt: „Die meisten Männer in solchen Positionen hinterlassen keine Spuren. Den Schaden, den ich erlitten habe, kann man nicht sehen. Es ist ein permanenter, bleibender Schaden. Aber es gibt keine Spuren. Und es gab nie welche.“

Und die gibt es immer noch nicht. Aber die Frau, die das sagte, ist allem Anschein nach verschwunden. Man sollte sich die vorhergehenden Absätze noch einmal durchlesen. Sie bemühte sich so angestrengt um eine andere Fokussierung und Perspektive: um die Konzentration auf sich statt auf ihren Ex-Mann. Sie fand die Worte, sie sprach sie aus. Und irgendwie, irgendwo verlor sie sie wieder – oder wurde dazu gebracht, sie zurückzunehmen.

Diese Anschuldigungen und Widerrufe: Für jeden Einzelfall könnte es zahlreiche Erklärungen geben, darunter auch die, dass die ursprüngliche Aussage tatsächlich falsch war. Doch wenn man diesen und andere solcher Fälle zusammennimmt, beginnt man, ein Muster zu vermuten. Die männliche Herrschaft, vor allem bei den Privilegiertesten und Mächtigsten, beruht teils offenbar darauf, die Kontrolle über die Darstellung an sich zu reißen – und damit auch über die Frau und sie zur Mitwirkung zu zwingen. Dabei handelt es sich nicht direkt um Unterwerfung: Vielmehr hat es viel Ähnlichkeit mit dem moralischen Ziel, jemanden durch „Gaslighting“ in den Wahnsinn zu treiben, nach Kate Abramsons erhellender Schilderung zu urteilen.[16] Dabei wird beim Opfer durch gezielte Manipulation und Verunsicherung die Fähigkeit zu einer unabhängigen Sicht zerstört, zumindest in Bezug auf bestimmte Themen. Die Frau stimmt dem Mann zwangsläufig zu und glaubt seine Darstellung nicht nur, sondern übernimmt sie vielleicht sogar und gibt sie ebenfalls wieder.

In mancherlei Hinsicht ist dies eine Weiterung eines allgemeinen Modus Operandi solcher mächtigen, dominanten Akteure: Sie geben Erklärungen ab, die festsetzen, was geglaubt wird, und die dann als offizielle Version der Vorgänge behandelt werden. Ihre weltlenkenden Behauptungen (oberflächlich Überzeugungen, unterschwellig Befehle) zielen auf Einstellungen und sagen Menschen, sie sollten die ihren ändern. Sie sollen damit Überzeugungen (zumindest vordergründig) übernehmen, von denen gewöhnlich gilt, dass wir sie nicht freiwillig annehmen. In der Regel brauchen wir Argumente, Beweise oder Ähnliches, um zu Überzeugungen zu gelangen: also Belege für den Wahrheitsgehalt dessen, was geglaubt werden soll, und nicht nur praktische Vorteile des Glaubens. Ob wir tatsächlich unsere Einstellung derart auf Verlangen ändern können oder nicht (und ich vermute, dass es leider rätselhafterweise so ist): Sein Wort ist im Ergebnis nicht nur Gesetz, sondern auch Evangelium.

Der Beitrag basiert auf „Down Girl. Die Logik der Misogynie“, dem jüngsten Buch der Autorin, das soeben im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Ulrike Bischoff.

[1] Während Ersticken beispielsweise auch durch eine innere Blockade der Atemwege – etwa durch einen Fremdkörper wie einen Essensbissen – möglich ist, ist bei der Strangulation die Ursache ein äußerer Druck auf Kehle oder Hals. Es erfordert sehr wenig Druck (etwa fünf bis sechs Kilogramm), die Halsschlagader zu blockieren, aber es kann innerhalb von Sekunden zur Bewusstlosigkeit und innerhalb von Minuten zum Hirntod führen. Zum Vergleich: Das Öffnen einer Getränkedose erfordert einen doppelt so hohen Druck, vgl. The International Association of Chiefs of Police, Strangulation: The Hidden Risk of Lethality, www.theiacp.org.

[2] Deputies: Palm Harbor Man Used Metal Leash to Choke Elderly Woman Walking Her Dog, WFLA News Channel, 14.4.2017, www.wfla.com.

[3] John Archer, Sex Differences in Physically Aggressive Acts between Heterosexual Partners: A Meta-Analytic Review, in: „Psychological Bulletin“, 5/2000, S. 651-680.

[4] Manchmal kommt Strangulation auch bei Jungen vor, obwohl Daten fehlen, wie häufig dieses Verhalten (in absoluten Zahlen wie auch im Vergleich zu anderen Kindern) bei ihnen ist.

[5] Aus Gründen der Fairness gegenüber der #NotAllMen-Gruppe muss gesagt werden, dass solche Behauptungen „verallgemeinernd“ sind, sich in beide Richtungen auslegen lassen und Verwirrung stiften können. Daher versuche ich sie zu vermeiden, sofern der Kontext die beabsichtigte Bedeutung solcher Äußerungen nicht transparent macht.

[6] Kristie Dotson definiert „Aussageunterdrückung“ genauer als „Verstümmelung der eigenen Aussage, um sicherzustellen, dass sie nur Inhalte enthält, für die die Zuhörer Aussagekompetenz besitzen. Drei Bedingungen lassen Aussageunterdrückung in einem Aussageaustausch erkennen: 1) der Inhalt der Aussage muss unsicher und riskant sein; 2) die Zuhörer müssen gegenüber dem Sprecher in Bezug auf den Inhalt der Aussage Aussage-Inkompetenz demonstrieren; und 3) diese Aussage-Inkompetenz muss aus gefährlicher Ignoranz erwachsen oder zu erwachsen scheinen“ (Kristie Dotson, Tracking Epistemic Violence, Tracking Practices of Silencing, in: „Hypatia“, 2/2011, S. 236-257, hier S. 249.)

[7] David A. Fahrentold, Trump Recorded Having Extremely Lewd Conversation about Women in 2005, in: „Washington Post“, 8.10.2016.

[8] Ich mache einige Vorschläge für Fälle, in denen sie ihm wie hier hilft, indem sie sogar die Hüften anhebt, damit er sie leichter ausziehen kann: Bei so geringem Widerstand könnte „alles, was man mit ihr gemacht hat, sozusagen weit weg“ geschehen (Kate Manne, On Being Social in Metaethics, in: Russ Shafer-Landau (Hg.), Oxford Studies in Metaethics, Bd. 8, Oxford 2013, S. 50-73, hier S. 43). Nun frage ich mich, ob die angestrebte Distanz räumlich, zeitlich oder beides ist. Es ist, als versetze sie sich wie im Zeitraffer in eine Zukunft, in der sie nicht begrapscht und überfallen wird. So lässt sie ihn gewähren, willigt ein.

[9] Oliver Darcy, The „F***ing disgusting“ consequence. Trump lawyer threatened liberal news site with for „rape“ story, in: „The Blaze“, 27.7.2015, www.theblaze.com.

[10] John Santucci, Donald Trump’s Ex-Wife Ivana disavows old „rape“ allegation, in: „ABC News“, 28.7.2015, www.abcnews.go.

[11] Ebd.

[12] Tim Mak und Brandy Zadrozny, Ex-Wife: Donald Trump made me feel „violated“ during sex, in: „Daily Beast“, 7.7.2015, www.thedailybeast.com.

[13] Sarah Fenske, Andrew Puzder, Trump’s pick for labor department was accused of abusing wife, in: „Riverfront Times“, 8.12.2016, www.riverfronttimes.com.

[14] Ebd.

[15] Damit man Lisa Fiersteins E-Mail nicht als bloßes Gefälligkeitsschreiben interpretierte, bot sie an, persönlich, sogar mehrmals mit den Senatoren zu sprechen, da sie über das Wiederauftauchen des Mitschnitts anscheinend aufrichtig bestürzt war.

[16] Kate Abramson, Turning Up the Lights on Gaslighting, in: „Philosophical Perspectives“, 1/2014,
S. 1-30. Siehe auch Rachel V. McKinnon, Allies Behaving Badly: Gaslighting as Epistemic Injustice, in: Gaile Polhaus Jr, Ian James Kidd und Joé Medina (Hg.), The Routledge Handbook of Epistemic Injustice, New York 2017, S. 167-175. Ihr Text enthält wichtige Erörterungen der Moglichkeiten, wie das Konzept eines politischen „Verbündeten“ als Deckmantel für Gaslighting und Aussage-Ungerechtigkeit dienen kann.

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