Ausgabe März 2022

Nostalgie und Autoritarismus: Das toxische Erbe der Sowjetunion

Soldat vor dem Katjuscha-Wandbild nahe Wladiwostok. Katjuscha war der Name der sowjetischen Mehrfachraketenwerfer aus dem Zweiten Weltkrieg, Mai 2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

Bild: Soldat vor dem Katjuscha-Wandbild nahe Wladiwostok. Katjuscha war der Name der sowjetischen Mehrfachraketenwerfer aus dem Zweiten Weltkrieg, Mai 2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

In der militärischen Eskalation Russlands gegenüber der Ukraine manifestieren sich in verheerender Weise höchst einseitige Interpretationen und Instrumentalisierungen der Geschichte und ihrer Ereignisse – von russischer, aber auch von westlicher Seite.

Im Juni 2021 beschwor Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Aufsatz die »dreieinige Nation« (Russland, Belarus, Ukraine) und die »historische Einheit« von Russen und Ukrainern und warnte vor einer feindlichen Übernahme des Nachbarlandes durch den Westen. Hinter diesem Denken steht mehr als nur die geostrategische Rivalität mit USA und Nato: Es ist, wie der Historiker Igor Torbakow beschreibt, die Konsequenz einer kulturellen Abwendung vom angeblich dekadenten Europa, die kremlnahe Intellektuelle bereits seit Jahren forcieren. Zugleich ist die militaristische Außenpolitik, auf die Putin im Umgang mit der Ukraine setzt, auch historisch bedingt. Sie ist, argumentiert der Schriftsteller Sergej Lebedew, Ausdruck einer sowjetischen Tradition des Autoritarismus, deren Aufarbeitung gezielt verhindert werden soll, wie zuletzt das Verbot der NGO »Memorial« gezeigt hat. Diese Tradition prägt auch die Frage des Machttransfers, für den in Russland lange Kasachstan als Vorbild galt, so der Politologe Ewgeniy Kasakow.

Von westlicher Seite wurden dagegen nach Ende des Kalten Krieges die Sicherheitsbedürfnisse Russlands zunehmend negiert und übergangen, so der Historiker Bernd Greiner.

März 2022

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema