Buchverbote als Herrschaftstechnik
Geht es um verbotene Literatur, schauen derzeit viele in die USA. Doch in der Mitte Europas werden Kultur und Ideen schon länger unterdrückt: durch die systematische Zensur des Lukaschenko-Regimes in Belarus.
Olga Bubich, geb. 1980 in Minsk/Belarus, Autorin, Fotografin, Dozentin und Kuratorin, lebt seit 2021 im Exil in Berlin.
Im Folgenden finden Sie sämtliche »Blätter«-Beiträge von Olga Bubich.
Geht es um verbotene Literatur, schauen derzeit viele in die USA. Doch in der Mitte Europas werden Kultur und Ideen schon länger unterdrückt: durch die systematische Zensur des Lukaschenko-Regimes in Belarus.
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.
Das menschliche Gedächtnis ist trügerisch und äußerst instabil. Sein Inhalt wird durch jede Schicht neu gesammelter Erfahrungen verändert, ebenso durch die Emotionen, die wir beim Abrufen empfinden, und durch die Informationen, denen wir ausgesetzt sind.
Es war eine große Überraschung für weite Teile der internationalen Gemeinschaft: Am 21. Juni ließ das belarussische Regime 14 politische Gefangene frei. Unter ihnen befand sich Siarhei Tsikhanouski, der 2020 verhaftet wurde, um seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen zu verhindern.
„Das normale Vergessen ist der programmierte Zelltod des geistigen Lebens. Es formt die Erfahrung zu einer nützlichen Geschichte“, schreibt der amerikanische Schriftsteller Lewis Hyde. Da es keinen Grund gibt, ihm zu widersprechen, stellt sich eine nicht minder logische Frage – nützlich für wen?
„Die Zukunft wird uns nicht für das Vergessen verurteilen, sondern dafür, dass wir uns nur allzu gut erinnern und dennoch nicht im Einklang mit diesen Erinnerungen handeln“, schrieb der deutsche Kulturkritiker Andreas Huyssen Mitte der 1990er Jahre. Dreißig Jahre später sind seine Worte immer noch aktuell, aber das Versprechen des „Nie wieder“ droht weitgehend unerfüllt zu bleiben.
Repressive Regime nutzen das kollektive Gedächtnis immer wieder als einen Raum, in dem sich die Geschichte fälschen lässt, und setzen alles daran, dass neue Generationen bestimmte „unbequeme“ Episoden vergessen. Zwei Jahre nach der größten Protestbewegung in der Geschichte meines Heimatlandes Belarus scheint das Land in eine Fabrik der Amnesie verwandelt zu werden.