Ausgabe Juni 2025

Europas Schisma: Abschied von der US-Schutzmacht?

Sinnbildlich: Der Rückzug der USA aus Europa. Aufgenommen bei der Nato-Konferenz am 12.7.2018 in Brüssel (IMAGO / Pond5 Images)

Bild: Sinnbildlich: Der Rückzug der USA aus Europa. Aufgenommen bei der Nato-Konferenz am 12.7.2018 in Brüssel (IMAGO / Pond5 Images)

Angesichts des Rückzugs der USA aus Europa plädierten in den vergangenen Ausgaben diverse Autoren für die militärische Stärkung Deutschlands wie der EU gegen das expansive, revisionistische Russland unter Putin. Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick hinterfragt dagegen die dieser Position zugrundeliegende Bedrohungsanalyse.

Die Außenpolitik der USA war oft umstritten und angreifbar – als Beispiele seien nur der Vietnam- oder der Irak-Krieg genannt –, das westliche Lager sah die Rolle der USA gleichwohl als zentral für die Wahrung der nationalen Sicherheit aller. Aber die „guten alten Zeiten“ im transatlantischen Verhältnis sind wohl unwiderruflich vorbei. Die US-amerikanische Sicherheitsgarantie für Europa und die Verlässlichkeit der Nato haben sich in Luft aufgelöst, das politische System der USA degeneriert, und dies führt im besten Fall zu Selbstbeschäftigung und Lähmung, im schlimmeren Fall zu Chaos. Die ehemaligen Transatlantiker sind verstimmt – sie sehen die USA nicht länger als Freund oder Verbündeten, die USA hätten sich gar von einer Schutzmacht zum Sicherheitsrisiko entwickelt. Der US-Politologe Robert Kagan spricht sogar von einer „schurkischen Supermacht“. Selbst wenn das übertrieben erscheint: Europa muss sich fragen, ob es sich weiter so eng an eine unberechenbare Supermacht binden will – oder ob es einen eigenen Weg einschlägt.

Die strategischen Rahmenbedingungen dafür sind anspruchsvoll.

»Blätter«-Ausgabe 6/2025

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In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

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