Ausgabe Februar 1990

Deutschland, schwierig Vaterland

1. Der aktuelle Stand der Deutschen Frage

Nach dem Fall der Mauer ist viel darüber gespottet worden, daß die Regierungsparteien, die doch um starke deutschlandpolitische Sprüche nie verlegen waren, von der plötzlichen Entwicklung völlig unvorbereitet angetroffen wurden. Waren die anderen politischen Kräfte der Bundesrepublik vielleicht weniger überrascht? Ausgerechnet die Linke, also die Gesamtheit der auf Veränderung des Bestehenden gerichteten Kräfte, hatte sich so kommod im Status quo eingerichtet, daß sie zum Teil bis heute noch nicht begriffen hat, daß die alten Fundamente nicht mehr tragen. Mit einer Mischung von Faszination und Besorgnis schaut die Welt auf das, was da in Mitteleuropa in Bewegung gekommen ist. Der real existierende Sozialismus hat sich so diskreditiert, daß in immer mehr Ländern seine letzten Nutznießer ihn nicht mehr mit der Macht, die ihnen immer noch zu Gebote stünde, verteidigen 1), sondern vor dem gewaltlosen Aufstand der Enttäuschten zurückweichen.

Das System von Jalta, das den Kontinent nach den Verheerungen des letzten Krieges für Jahrzehnte auf wohltätige Weise ruhig gestellt hatte, löst sich auf. Und am schwersten zu ertragen: Deutschland, was immer das auch im einzelnen bedeuten möge, schickt sich an, als Subjekt eigenen Rechtes auf der politischen Bühne zu agieren.

Februar 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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