Ausgabe Februar 1990

Die Fernsehrevolution

"Die Zukunft unserer Erinnerungen wird das Fernsehen sein." (Klaus Kreimeier in epd-F i l m) Die Umwälzungen in den osteuropäischen Staaten, allen voran der DDR, haben offenbart, wie sehr wir nicht nur unsere Informationen, sondern auch unseren Erlebnis-Vorrat aus dem Fernseh-Gedächtnis speisen. Ohne die Berichte von den ersten, auf ihrer Flucht in den Westen an den Zäunen der bundesdeutschen Botschaften hängengebliebenen Übersiedlern, deren bisheriges Eingesperrt-Sein als über sich hinausweisendes B i l d in alle Haushalte geliefert wurde, hätte der große Strom, der sich dann ergoß, womöglich noch eingedämmt werden können. Und dem inzwischen a n c i e n Regime um Honecker, das ihn bis zuletzt verzweifelt aufhalten wollte, dürften dieselben Bilder zur sinnlichen Einsicht in eine Realität verholfen haben, die es sich bislang erfolgreich aus Augen und Sinn gehalten hatte.

Glückliche Gesichter hinter heruntergekurbelten Trabi-Seitenfenstern, schnurgerade ausgerichtete Notbetten in blitzsauberen Aufnahmelagern - das sind einige der televisionären Erlebnisse, die in unserem Gedächtnis von dem, was die Kommentatoren unbeirrt als Revolution bezeichnen, bleiben werden. Sie sind gefrorene lebende Bilder, die nicht nur die Illusion vermitteln, wieder einmal wirklich dabeigewesen zu sein, so daß das Gesehene zur ureigenen Erfahrung wird.

Februar 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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