Ausgabe November 1991

Pflichtübungen

Moderne Videogeräte haben eine nützliche technische Einrichtung: das Video-Programming-System (VPS) startet die Aufnahme, einem Sendersignal folgend, unabhängig von der Uhrzeit erst dann, wenn die aufzuzeichnende Sendung wirklich beginnt. Auf diese Weise wird verhindert, daß bei Programmverschiebungen, womit nach Sportübertragungen fast stets zu rechnen ist, Teile der gewünschten Aufzeichnung verlorengehen. Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, gab es eine fernsehgeschichtliche Premiere. Das VPS-System wurde erstmals für den Versuch genutzt, die freie Programmwahl von Zuschauern zu manipulieren: Wer seinen Apparat auf 20.15 Uhr eingestellt hatte, bekam als Zugabe die davor übertragene Rede des Bundeskanzlers zum Jahrestag der "deutschen Revolution" unbestellt aufs Band gespielt.

Mein Gerät schaltete sich jedenfalls um 20 Uhr ein, dann zur Tagesschau wieder aus und zu Beginn der eigentlich einprogrammierten Sendung: "Was ist aus uns geworden? Ein Jahr deutsche Einheit" wieder an. Sollte so Ausgewogenheit hergestellt werden? In der zentralen Deutschen Einheits-Sendung zum Jahrestag (das ZDF übertrug nur die Hamburger Feierstunde am Vormittag) wurden jedenfalls nationales Pathos und überhebliche Töne sorgfältig und demonstrativ vermieden.

November 1991

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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