Ausgabe April 1992

Zeit ohne Traum, Macht ohne Kritiker?

Angst vor der Angst

Im Märzheft der "Blätter" wandte sich Günter Gaus gegen die Geßler-Hüte in diesem Lande, denen Referenz zu erweisen der Vereinigungsgeist jedermann/frau nahelegt, um nicht die Gefahr zu riskieren, aus dem neudeutschen Konsens ausgegrenztzu werden. Gesinnungen werden wieder einmal geprüft, Nähe und Distanz zum StasiSyndrom vermessen, das längst zum Deckwort für die erheblich vielschichtigere DDR- Vergangenheit angewachsen ist. Gerhard Zwerenz beobachtete im gleichen Zusammenhang die "Pyrrhus-Siege der Bürgerbewegung", eine neue Variante auf das in Westdeutschland schon seit einigen Jahren bekannte Thema "Verlust von Opposition".

So gesehen ist die neueste Intellektuellen-Debatte streng genommen keine Kontroverse, die nur oder vorrangig die Intellektuellen beträfe. Es geht um das politische Klima insgesamt, um die Perspektiven der politischen Kultur im vereinten Deutschland, das als "Republik" zu bezeichnen immer weniger üblich zu werden scheint. - Wir veröffentlichen im folgenden zwei Beiträge von Dorothee Sölle und Gert Heidenreich. D. Red.

Endlich weiß ich, wo ich hingehöre, die taz hat es mir klargemacht, zur "Erbengemeinschaft aller geistig Getäuschten und Beleidigten". Erbengemeinschaft gefällt mir gut, und arglistig getäuscht wurde ich natürlich auch.

April 1992

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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