Man kann nach den Landtagswahlen fast 700000 "Protestwähler" nicht mehr gut als "lunatic fringe" der neuen deutschen Gesellschaft abtun und mit Nichtachtung strafen. Die Verfechter der Theorie, daß die repräsentative Demokratie sich am besten über das Parteiensystem, definiert durch Wahlgesetz, Parteiengesetz und Wahlkostenerstattung realisiert, sind aufgeschreckt. Was 30% Nichtwähler nicht erreichen, weil ihre politische Verdrossenheit sozusagen vorsteuerlich abgeschrieben werden kann, das erreichen 10% Wähler rechts von den Christdemokraten. Die medienöffentlichen Reaktionen nach diesem Ereignis sind auf charakteristische Weise hilflos. Die Parteien wissen nicht, was sie außer dem Gemeinplatz, daß das bedauerliche Denkzettel waren, und außer den fortgesetzten Schienbeintritten jeweils nach der anderen Seite dazu sagen sollen. Elefantenrunden werden vorsichtshalber nicht mehr veranstaltet sie bereiten den Elefanten zuviel Verlegenheit, und auch den Veranstaltern, die nicht mehr wissen, ob sie nun die Grünen dazu einladen müßten oder nicht, ob sie die Rechtsaußenparteien von ihrem Katzentisch an die Haupttafel zurückholen sollen, nachdem sie in zwei Ländern zur drittstärksten Kraft nach den beiden Hauptelefanten aufgestiegen sind.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.