Man kann nach den Landtagswahlen fast 700000 "Protestwähler" nicht mehr gut als "lunatic fringe" der neuen deutschen Gesellschaft abtun und mit Nichtachtung strafen. Die Verfechter der Theorie, daß die repräsentative Demokratie sich am besten über das Parteiensystem, definiert durch Wahlgesetz, Parteiengesetz und Wahlkostenerstattung realisiert, sind aufgeschreckt. Was 30% Nichtwähler nicht erreichen, weil ihre politische Verdrossenheit sozusagen vorsteuerlich abgeschrieben werden kann, das erreichen 10% Wähler rechts von den Christdemokraten. Die medienöffentlichen Reaktionen nach diesem Ereignis sind auf charakteristische Weise hilflos. Die Parteien wissen nicht, was sie außer dem Gemeinplatz, daß das bedauerliche Denkzettel waren, und außer den fortgesetzten Schienbeintritten jeweils nach der anderen Seite dazu sagen sollen. Elefantenrunden werden vorsichtshalber nicht mehr veranstaltet sie bereiten den Elefanten zuviel Verlegenheit, und auch den Veranstaltern, die nicht mehr wissen, ob sie nun die Grünen dazu einladen müßten oder nicht, ob sie die Rechtsaußenparteien von ihrem Katzentisch an die Haupttafel zurückholen sollen, nachdem sie in zwei Ländern zur drittstärksten Kraft nach den beiden Hauptelefanten aufgestiegen sind.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.