Ausgabe April 1994

Neuanfang ohne Tabus

Deutscher Sonderweg und politische Semantik

"Nichts kennzeichnet vielleicht besser den Wandel, der sich im deutschen außen- und innenpolitischen Bewußtsein abgespielt hat, als der Unterschied zwischen den Obertönen, die heute mitschwingen, wenn die Redewendung "die westlichen Demokratien" verwandt wird, und den Assoziationen, die vor einem Menschenalter mit diesen Worten verbunden waren." Ernst Fraenkel, 1960 Ein Menschenalter später hat sich der Wind gedreht. Die Obertöne sind wieder einmal verändert. Zum Beispiel so: "Das Bekenntnis zur 'westlichen Wertegemeinschaft' (gemeint ist Jürgen Habermas; d. Verf.) hat fast den Charakter einer auf die totalitäre Durchdringung der gesamten Gesellschaft gerichteten politischen Utopie angenommen. Um eine Utopie handelt es sich zweifellos, weil eine 'irreversible' Entwicklung angestrebt wird, also ein finaler Zustand, der einmal festgeschrieben nicht mehr veränderbar ist. Totalitär muß diese Utopie deshalb genannt werden, weil es das Spezifikum totalitärer Systeme ist, den Anspruch auf vollständige ideologische Beeinflussung der gesamten Bevölkerung des Landes zu erheben." 1)

"Neuanfang ohne Tabus" nennt Brigitte Seebacher-Brandt diese Art von Argumentationen. Sie entstammen der Feder des Autorenteams Rainer Zitelmann, Karlheinz Weissmann und Michael Großheim, stehen aber stellvertretend für eine ganze Phalanx neudeutscher Freistilübungen.

April 1994

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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