Ausgabe Januar 1995

Die verweigerte Rehabilitation

Die Bundesrepublik und die Wehrmacht-Deserteure

Begünstigt durch das Nachlassen der meinungsbildenden Prägekraft der Kriegsgeneration, bahnte sich im Hinblick auf die WehrmachtDeserteure des Zweiten Weltkrieges in relevanten Teilen der deutschen Gesellschaft in den letzten 15 Jahren ein echter Einstellungswandel an. Die Debatte ist noch im Flusse. Aber ihre Tendenz ist schon jetzt deutlich zu erkennen: Die ideologische Verfemung der Deserteure weicht zunehmend einer anerkennenden Würdigung.

1. Deserteurs-Initiativen - Beginn der Enttabuierung

Der Klärungsprozeß wurde angestoßen durch die Idee, den Deserteuren des Weltkrieges ein Denkmal zu setzen, sie damit sowohl der Vergessenheit zu entreißen als auch ihre anhaltende Desavouierung zu beenden. Initiativen dieser Art entstanden wohl erstmals 1981 in Kassel und 1983 in der Hansestadt Bremen. Man war sich bewußt, damit ein "heißes" Thema angepackt zu haben, weil Deserteure damals noch immer als "Vaterlandsverräter" und "Feiglinge" angesehen wurden. Die Tradition des preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates und der nationalsozialistischen Diktatur schien in dieser Frage ungebrochen zu sein. Den politischen Hintergrund der Initiativen in den frühen 80er Jahren gab damals die sogenannte "Nachrüstungs"-Politik ab, also der NATO-Doppelbeschluß mit seiner Perspektive der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen auf dem Territorium der Bundesrepublik.

Januar 1995

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