Das Rechtskunststück ist von hinreißender Akrobatik. Durch die Verurteilung des DDR-Richters Hans Reinwarth bewältigte die westdeutsche Justiz Ende November 1995 in letzter Instanz endlich ihre eigene Nazivergangenheit. Der Bundesgerichtshof fand - erstmals nach einem halben Jahrhundert -, daß er sich von seiner bisherigen Rechtsprechung zugunsten von NS-Kollegen, die exzessive Todesurteile zu verantworten hatten, nunmehr distanzieren sollte. Eigentlich bestand dazu kein Grund. Der DDR-Richter Reinwarth war zu keinem Zeitpunkt Kollege unserer Bundesrichter. Er war in der NS-Zeit weder Mitglied des Volksgerichtshofes, noch eines Sondergerichts, im Gegenteil, er war vorbestraft, er war, wie der Bundesgerichtshof ausdrücklich feststellt", in einem Konzentrationslager inhaftiert und später an der Front in einem Minensuchkommando eingesetzt". Er hat sich erst nach dem Krieg im SED-Staat zum Volksrichter ausgebildet und wurde Beisitzer am Obersten Gericht der DDR. Dabei hat er in den 50er Jahren an der Verhängung des Todesstrafe gegen zwei Spione mitgewirkt und sich somit "des direkten Vorsatzes der Rechtsbeugung" schuldig gemacht. Die Richter, die zwei Jahre zuvor in den USA aufgrund fragwürdiger Indizien Julius und Ethel Rosenberg wegen "Spionage" auf den elektrischen Stuhl brachten, sind bis heute unbehelligt.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.