Ausgabe September 1997

Inszenierung einer Systemkrise

 Mitten im Sommerloch weitet sich der Streit um Reformen zur "schwersten Systemkrise" der Bundesrepublik aus. 1) Während die vereinte Nation in Gestalt der Bundeswehr an der Oder ihre Bewährungsprobe besteht, diesmal das Land nicht gegen eine Rote Armee, auch nicht gegen eine Asylanten-, sondern gegen "die Jahrhundertflut" behauptend, da warnt am Rhein BDI-Chef Hans-Olaf Henkel vor der drohenden "Sintflut des beginnenden Wahlkampfs" 2) und fordert Schutzwälle für die "Reformer".

In der Tat, die "Bonner Republik" steht unter Wasser, und der Ruf nach der "Berliner Tat" wird laut. 3) Als Hans-Olaf Henkel mahnt, daß es bald an der Zeit sei, die Systemdebatte anzustoßen, da kommt sie anderntags schon voll in Gang. Fülle und Gehalt der Publikationen dieser Tage lassen wenig Zweifel: Die Krisendiskussion ist bestens vorbereitet wie verabredet wird auch noch eine Allensbach-Studie rechtzeitig fertig: noch nie hatten die Deutschen so wenig Vertrauen in ihr System 4) - vielleicht auch die Krise selbst? Inszeniert oder nicht, besser hätte eine Kampagne zur Systemveränderung ihrem krönenden Event nicht zusteuern können: dem absehbaren Scheitern der Verhandlungen im Vermittlungsausschuß.

September 1997

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Alternativen zum Geist der Ausbeutung

von Mariana Mazzucato

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Motto »A Spirit of Dialogue« (Ein Geist des Dialogs) tagt, haben die USA die Kontrolle über die Ölinfrastruktur Venezuelas übernommen und eine »unbefristete« amerikanische Verwaltung der Erdölreserven des Landes eingerichtet.