Bild: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt, 4.7.2026 (IMAGO / Funke Foto Services)
Am 6. September, in gut sechs Wochen, findet die wohl wichtigste deutsche Wahl dieses Jahres statt, nämlich die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Seit Monaten liegt die AfD in allen Umfragen klar vorn, stets um die 40 Prozent, mit kaum mehr einholbarem Abstand vor der Union, deren Werte bei um die 25 Prozent stagnieren.1 Damit besteht für die AfD unter für sie günstigen Vorzeichen sogar die Chance auf eine absolute Mehrheit – und damit auf die Alleinregierung.2 Das Ziel ist klar: Die Partei will in diesem ostdeutschen Bundesland mit seinen zwei Millionen Einwohnern einen Präzedenzfall für ganz Deutschland schaffen. »Wir schreiben gerade Geschichte, und was hier in Sachsen-Anhalt geschieht, ist erst der Anfang«, sagt selbstbewusst ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gegenüber der dänischen Wochenzeitung »Weekendavisen«.3 Die AfD setzt auf die Dominostrategie: Sachsen-Anhalt macht den Anfang, dann folgt Mecklenburg-Vorpommern und am Ende der Bund. So ist der Plan, getreu der Devise: »First we take Magdeburg, then we take Berlin.«
Auf dem jüngsten AfD-Bundesparteitag in Erfurt war denn auch alles dem Erfolg in Ostdeutschland untergeordnet. Die professionelle, im Vergleich zu früheren Radau-Parteitagen fast bürgerlich anmutende Performance der Partei ließ erneut jene auf den Plan treten, die schon lange darauf hoffen, dass sich die AfD mäßigen möge, um so eine Zusammenarbeit mit Parteien der Mitte möglich zu machen. Mittlerweile reicht diese kleine Phalanx vom Mainzer Geschichtsprofessor Andreas Rödder, vormals Julia Klöckners CDU-Schatten-Bildungsminister, über den ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Torsten Albig, der seiner SPD, etwa Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, zu auch von der AfD tolerierten Minderheitsregierungen rät,4 bis zum AfD-Gründer und Ex-Vorsitzenden Bernd Lucke, der von seiner einstigen Partei ein rechtes Godesberg fordert. So wie die SPD mit dem Godesberger Programm von 1959 die Koordinaten der alten Bundesrepublik akzeptierte, wäre es heute erforderlich, dass die AfD »in einem unübersehbaren, demonstrativen Akt die Grundsätze ihres politischen Handelns auf die Verfassung verpflichtet«, um so für die Mitte akzeptabel und anschlussfähig zu werden.5
Drei Akteure aus drei unterschiedlichen Parteien und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind große Illusionisten. Sie wecken die Hoffnung auf eine moderate, koalitionstaugliche AfD, verkennen dabei aber das Entscheidende: Von einer Mäßigung im Sinne einer »Melonisierung« kann keine Rede sein, im Gegenteil: Mit der Aussicht auf den ersten Wahlsieg wird die AfD immer unverfrorener. Das belegt das sachsen-anhaltinische »Regierungsprogramm«, gemeinsam mit dem soeben verabschiedeten 100-Tage-Programm zweifellos das radikalste Konzept in der bisherigen Geschichte der Partei.6 »Viele Positionen der AfD sind mit unseren Grundsätzen unvereinbar«, erklärte unlängst selbst der Vorsitzende des Rassemblement National, Jordan Bardella, und meinte damit neben dem Umgang mit Neonazis vor allem »die extreme Rhetorik der AfD in historischen Fragen«.7
Nun aber steht diese AfD kurz vor dem größten Triumph ihrer bisherigen Geschichte durch den – wie Bardella – sich smart gebenden Ulrich Siegmund, der aber noch bis vor Kurzem bei seinen Veranstaltungen das Publikum von einem Einpeitscher mit dem lauthals gerufenen Wort »Sieg« anheizen ließ,8 woraufhin es »Mund« zurückschallte – und jeder das »Heil« mitdenken konnte.
Angesichts dieser offensichtlichen und kaum kaschierten Radikalität der in Sachsen-Anhalt als »gesichert rechtsextremistisch« eingestuften AfD müsste von bürgerlicher Seite eigentlich alles zu klarer Abgrenzung tendieren. Faktisch geschieht das Gegenteil: Die AfD wird zunehmend salon- und regierungsfähig gemacht – vor allem in den Medien. Längst unternimmt ein immer größer werdender Kreis von Akteuren alles mögliche, um eine Koalition mit der AfD vorzubereiten – und zwar durch die systematisch betriebene »Normalisierung« der Partei.
Die Idee dahinter ist klar: Wenn die AfD sich nicht entradikalisiert, muss man ihre Radikalität normalisieren, um sie auf diese Weise koalitionsfähig zu machen – durch eine gezielte Verharmlosung der Partei. Anstatt der – zum Scheitern verurteilten – Rödder-Lucke-Linie zu folgen, die AfD über deren Anerkennung roter Linien in die Mitte zu locken, unternehmen diese sich selbst als bürgerlich definierenden Kräfte das glatte Gegenteil: Sie machen die radikale AfD anschluss- und koalitionsfähig, indem sie diese zu einer ganz normalen Partei erklären.
Mediale AfD-Verharmlosung
Bei dieser Normalisierung der AfD gibt es einen regelrechten Überbietungswettbewerb unter Führung der neuen »sozialen« Medien – aber in markantem Zusammenspiel mit dem Springer-Verlag, sprich: mit »Bild« und »Welt«.
Früher galt für die Medienlandschaft der leicht abgewandelte alte Satz von Franz Josef Strauß: »Rechts von Springer ist nur noch die Wand«, wenn man von einigen sektiererischen rechtsradikalen Kleinstgazetten absah. Heute hingegen ist die Lage eine völlig andere: Rechts von Springer eröffnet sich ein ganzes rechtsradikales Medien-Imperium, mit »Nius« in der Haupt- und »Apollo« in einer Nebenrolle, das offenbar nur ein Ziel hat: die AfD an die Macht zu bringen.
Dazu muss man wissen, dass die digitale Plattform »Nius« das Auffangbecken der radikalsten Ex-»Bild«-Journalisten ist, von Julian Reichelt bis Gunnar Schupelius, passend ergänzt durch notorische Rechtspopulisten wie Peter Hahne. Dieser postulierte jüngst, »Die neue DNA, das Markenzeichen der CDU, ist Lüge«9, und agierte damit absolut deckungsgleich mit dem sachsen-anhaltinischen AfD-Landeschef Martin Reichardt, der die CDU als Partei der »Ehrlosigkeit und Lüge« denunziert und die AfD dagegen als die »Stimme des Volkes«.10 Während also bei Springer – zumindest teilweise – noch echter, sogar investigativer Journalismus betrieben wird, macht »Nius« faktisch reine AfD-Propaganda.
Besonders symptomatisch für die Normalisierung der AfD – und zugleich für das dialektische Zusammenspiel von Springer und »Nius« – war der Umgang mit einem Foto, das besagten Martin Reichardt beim Hitlergruß zeigt. Zugespielt wurde die bis dato unveröffentlichte Aufnahme, die aus dem Jahr 2020 stammt, dem AfD-Experten der »Welt«, Frederik Schindler, auch Herausgeber des Podcasts »Inside AfD«. Ihm zufolge bestätigten zwei Zeugen der Szene, dass es sich um einen Hitlergruß gehandelt habe.11 Doch anstatt auf diesen Vorfall mit vertiefenden Recherchen bei der AfD zu reagieren, kehrt »Nius«, »die [selbsternannte] Stimme der Mehrheit«, den Spieß einfach um und richtet ihn mit fadenscheinigsten Begründungen gegen den investigativen »Welt«-Journalisten, um so dessen Recherche-Ergebnis zu konterkarieren.
In Person des denkbar weitgereisten12 Alexander Kissler wirft »Nius« den »Welt«-Journalisten vor, das Foto nur zur Hälfte gezeigt und dadurch den Inhalt manipuliert zu haben.13 Er könne, »in dieser Geste, zumal sie ja mit links erfolgt, keinen Hitlergruß erkennen«, so Kissler sophistisch, und zwar auch deshalb nicht, weil der von Reinhardt Gegrüßte vor diesem kniet, was eben zu manipulativen Zwecken entfernt worden sei. Das Lachen von Reinhardt und seinem Bildnachbarn Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Vordenker in Sachsen-Anhalt und Hauptautor des rechtsradikalen Regierungsprogramms, wird für Kissler zum weiteren Beweis dafür, dass es kein Hitlergruß gewesen sein könne, sondern bloß ein simulierter »Ritterschlag« – eine absurde Verharmlosung einer eindeutigen Geste, die auch durch das Knien des Gegrüßten nicht weniger eindeutig wird.
Offensichtlich fühlt sich die AfD inzwischen so sicher, dass der Hitlergruß auf dem jüngsten Parteitag zum bloßen Running Gag mutierte.
Doch anstatt die Ergebnisse des eigenen Kollegen zu verteidigen, tat »Die Welt« das Gegenteil: Für Ex-Chefredakteur und -Herausgeber Ulf Poschardt ist der laut AfD-Parteisprecher »angedeutete Ritterschlag« nur »ähnlich geschmacklos wie das Gegröle dreier betrunkener BWLer auf Sylt« und die Reaktion darauf bloße Hysterie.14 Dass Poschardt hier zum wiederholten Male das »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus« – inklusive Hitlergruß! – in der Kampener Edel-Bar »Pony« zu einer Petitesse erklärt, ist das eine und doch bezeichnend genug. Dass es sich aber bei Reichardt um den Chef des ab dem 6. September vielleicht ersten regierenden AfD-Landesverbandes handelt, verleiht dessen Hitlergruß eine ganz andere Dimension – und macht dessen Relativierung durch Poschardt zu einem gefährlichen Politikum. Denn die umarmende Verharmlosung der AfD von »Nius« bis Springer zeigt längst Wirkung: Offensichtlich fühlt sich die Partei inzwischen so sicher, dass der Hitlergruß auf dem jüngsten Parteitag zum bloßen Running Gag mutierte: »Ganz herzlich möchte ich mich bei unserem edlen Ritter Martin Reichardt bedanken«, so augenzwinkernd Ulrich Siegmund, mit eindeutigem Gruß an die rechtsradikale Fraktion.15
Gewiss, unbeweisbar wird wohl bleiben, ob Mattias Döpfner, der mächtige Chef des Springer-Verlags, dem Kanzler mit den Worten »Das werden Sie noch bereuen« gedroht hat, nach dessen Absage an eine Zusammenarbeit mit der AfD.16 Doch offensichtlich betreibt Döpfners wichtigster »Döpfnerist« (Poschardt über Poschardt) dessen Werk, wenn er die AfD-Unterstützer Musk, Milei und Trump promotet und gegen das angebliche deutsche »Shit-« und »Bückbürgertum«, von Grünen bis Union, in Stellung bringt.
Und Springer hat daneben noch eine zweite Waffe bei der Etablierung der AfD, nämlich den neuen »Bild«-Kolumnisten Harald Martenstein. Dieser normalisiert die Rechtsradikalen, indem er sich lauthals gegen eine – von vernünftiger Seite gar nicht betriebene – Gleichsetzung von AfD und NSDAP verwahrt17 und damit geschickt unterschlägt, dass es auch unterhalb der Radikalität der NSDAP eindeutig demokratie- und verfassungsfeindliche Parteien geben kann. Doch anstatt sich mit den radikalen Inhalten der AfD inhaltlich auseinanderzusetzen, dreht Martenstein den Vorwurf des Antidemokratischen einfach um und richtet ihn gegen die Akteure der Mitte. Dass diese ein Verbot der AfD in Erwägung ziehen, soll bereits Ausdruck ihres antidemokratischen Verhaltens sein, das in letzter Konsequenz sie zu Feinden der Demokratie mache – und die AfD zu deren Verteidigerin.18
Damit agieren Martenstein und Co. exakt wie die von Steven Levitsky und »Blätter«-Mitherausgeber Daniel Ziblatt beschriebenen »halbloyalen Demokraten«, die gerade durch ihre Zweideutigkeit die Demokratie gefährden, »indem sie ostentativ für die Demokratie eintreten, andererseits aber für Gewalt und antidemokratischen Extremismus blind sind«.
»Offen autoritäre Figuren – wie Putschisten oder bewaffnete Aufständische – sind für jeden erkennbar«, so Levitsky und Ziblatt. Ihnen allein fehle aber häufig die öffentliche Unterstützung oder Legitimität, um eine Demokratie zu zerstören. Demokratien gerieten dagegen immer dann in Schwierigkeiten, wenn bereits Etablierte autoritäre Extremisten tolerieren oder schützen – und so dem Autoritarismus den Weg ebneten.19
Genau dieses gefährliche Spiel betreiben heute die Poschardts, Döpfners und Martensteins. Und damit sind sie längst nicht mehr allein. Inzwischen gibt es eine fast schon illustre mediale Querfront der AfD-Unterstützer, wenn etwa am »1. Demokratiekongress der AfD-Bundestagsfraktion« neben Roger Köppel – Ex-»Welt«-Chef und heute Chefredakteur der rechten Schweizer »Weltwoche« – auch Holger Friedrich teilnimmt, Verleger der »Berliner Zeitung« und der neuen »Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung«, beides Organe, die einen klaren Pro-Russland und Pro-AfD-Kurs fahren.
Sollte also tatsächlich am 6. September die Stunde der AfD schlagen, dann wird es auch die Stunde der Reichelts und Poschardts, der Döpfners und Martensteins, der Köppels und Friedrichs gewesen sein. Sie alle haben die AfD erst salonfähig gemacht – indem sie deren rechte Narrative bedienen und damit verharmlosen – und könnten sie so am Ende auch mehrheitsfähig gemacht haben. In wenigen Wochen werden wir es wissen.
1 Umfragen Sachsen-Anhalt, wahlrecht.de, zuletzt abgerufen am 15.7.2026.
2 Das könnte der Fall sein, wenn nur AfD, CDU und Linkspartei der Einzug ins Parlament gelingt.
3 Jesper Vind, Siegmund Superstar, weekendavisen.dk, 3.7.2026.
4 Tobias Schmidt und Henning Baethge, Ex-Ministerpräsident Torsten Albig rät SPD zum Kurswechsel im Umgang mit der AfD, noz.de, 23.5.2026.
5 Bernd Lucke, Was die AfD jetzt tun muss, welt.de, 20.6.2026.
6 Zu den genauen Inhalten vgl. Jan Niklas Reiche, Modellprojekt Sachsen-Anhalt, in: »Blätter«, 7/2026, S. 46–52.
7 Jordan Bardella im Interview mit Michaela Wiegel und Niklas Záboji, faz.net, 12.5.2026.
8 Gordon Repinski, Politico Podcast, Berlin Playbook, Ein Spaziergang mit Ulrich Siegmund, youtube.com, Minute 25:15.
9 Nius Live am Abend des 13.7.2026, So denkt Peter Hahne über das Lügendoppel Wegner/Merz, youtube.com, ab Minute 14:30.
10 Auf Seite der Medien geriert sich traditionell »Bild« als »Stimme des Volkes«, und zwar besonders intensiv, als Reichelt und Döpfner noch an einem Strang zogen, vgl. Albrecht von Lucke, Rechte APO mit medialer Macht. Die neueste Ideologieproduktion aus dem Hause »Springer«, in: »Blätter«, 3/2021,S. 89–98, hier: S. 90; und auch: »Blätter« im Recht, Rüge für die »Bild«, blaetter.de, 11.6.2021.
11 Pauline von Pezold und Frederik Schindler, AfD-Landeschef zeigte Hitlergruß, welt.de, 25.6.2026.
12 Kissler startete als Feuilletonist bei FAZ und SZ und landete über »Cicero«, »Focus« und NZZ bei »Nius«.
13 Nius live, Das beschnittene AfD-Foto: Wie die WELT einen Hitler-Gruß behauptet, youtube.com, 25.6.2026, ab Minute 13:30.
14 Ulf Poschardt, Die Hysterie ist kontraproduktiv, welt.de, 25.6.2026.
15 Jan Alexander Casper, Wenn der Hitlergruß zum Running Gag mutiert, welt.de, 13.7.2026.
16 Die RND-Journalistinnen Kristina Dunz und Eva Quadbeck sowie der Dokumentarfilmer Stephan Lamby stellten in ihrem Podcast »Wenn Sie wüssten« richtig, dass zwar nicht der genaue Wortlaut des Gesprächs gesichert sei, aber doch dessen Inhalt, dass Döpfner versucht habe, den Kanzler von einer Zusammenarbeit mit der AfD zu überzeugen.
17 Harald Martenstein, Die AfD ist in fast allen Milieus angekommen, in: »Welt am Sonntag«, 12.7.2026.
18 Jan Kursko, Springers neue Stasi, in: »Blätter«, 3/2026, S. 45.
19 Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, Die Banalität des Autoritarismus. Wie halbloyale Demokraten die Demokratie zerstören, in: »Blätter«, 7/2024, S. 57–63, hier: S. 57.