Ausgabe Dezember 1997

Halbsouveräne Wohlfahrtsstaaten

Soziale Sicherung in der europäischen Mehrebenen-Politik

Untersuchungen europäischer Sozialpolitik gehen im allgemeinen von einem minimalistischen Verständnis der Bedeutung des Einflusses der EU aus. 1) Der souveräne Nationalstaat erlaubt der EU nicht, so das Hauptargument, eine wichtige Rolle in der Sozialpolitik zu spielen. Die Union sei auf den Aufbau des Gemeinsamen Marktes ausgerichtet, und sie überlasse die Sozialpolitik dem bürgerorientierten Nationalstaat, dessen Souveränität rechtlich nicht berührt werde, wenn sie auch durch die zunehmende wechselseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaften indirekt betroffen sein möge. Wir sind anderer Auffassung: Im Prozeß der Europäischen Integration wurden im sozialpolitischen Bereich sowohl die Souveränität (also die alle anderen Autoritäten ausschließende Rechtsetzungsgewalt) als auch die Autonomie (also die faktische Fähigkeit, den nationalen Raum selbständig auszugestalten) der Mitgliedstaaten ausgehöhlt.

Je umfassender Sozialpolitik verstanden wird, desto klarer können wir eine aktive Rolle der Europäischen Union (EU) ausmachen, sei es beim Umgang mit Einwanderung, regionaler Ungleichheit oder schrumpfenden Wirtschaftssektoren, beispielsweise der Landwirtschaft.

Dezember 1997

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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