Von Franz Ansprenger Unsere Vorfahren glaubten, am Ende des Regenbogens - da, wo er die Erde berührt - könne man ein goldenes Schüsselchen finden. Für die Südafrikaner die seit 1990 gern davon sprechen, ihre Zukunft als die einer Rainbow Nation zu gestalten, ist damit ein anderer, ein doppelter Wunsch verbunden. Die bunte Pracht des Regenbogens soll natürlich das Wunder einer plötzlich aufblühenden Harmonie zwischen den "Rassen", zwischen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe symbolisieren. Schwarz und Weiß kommen bekanntlich im Spektrum des Regenbogens gar nicht vor. Aber so ganz "reinrassig" sind ja viele Südafrikaner auch nicht. Sei's drum, das Symbol fasziniert. Zweitens bedeutet für Juden und Christen und die Südafrikaner sind im Vergleich mit Europa ein ungemein religiöses Volk - der Regenbogen Versöhnung, den urzeitlichen Bund zwischen Gott und einer nach der Sintflut neubegründeten Menschheit. Acht Jahre nach dem kühnen Entschluß des damaligen Präsidenten De Klerk, die Apartheid über Bord zu werfen, und vier Jahre nach den ersten allgemeinen Wahlen, die das demokratische neue Südafrika begründeten, halten manche Kommentatoren das Ende des Regenbogens für erreicht. Man ist auf der Erde zurück, und die Landung ist etwas unsanft. Das goldene Schüsselchen liegt sicher irgendwo, denn die Schätze im Boden Südafrikas sind noch lange nicht erschöpft.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.