Mit den Bundestagswahlen 1998 ist in Deutschland zum ersten Mal die Linke in freien Wahlen an die Macht gekommen. Anders als zu Zeiten der sozialliberalen Koalition, anders auch als in den ersten Regierungen der Weimarer Republik regiert die Linke diesmal ohne bürgerliche Koalitionspartner - zumindest was ihr politisches Selbstverständnis, nicht was ihre objektive soziale Zusammensetzung betrifft. Mit den Koalitionsverhandlungen ist zunächst und vielleicht nur für kurze Zeit jener Bruch geheilt worden, der sich in den siebziger Jahren zwischen SPD, Neuer Linker und Neuen Sozialen Bewegungen aufgetan hat. Auch an dieser Regierungsbildung bewährt sich die soziologische Erkenntnis von der integrierenden Kraft des sozialen Konflikts. Bündnis 90/Die Grünen sind so sehr das auch ihrem subjektiven Befinden widersprechen mag mit diesem Koalitionsvertrag als ökologische, pazifistische und feministische Partei gestorben, um als linksliberale Funktionspartei nach dem Muster der niederländischen D66, die ebenfalls der Neuen Linken entsprang, wiederaufzuerstehen. Die Niederlagen bei der Ökosteuer und dem Atomausstieg beweisen dies ebenso eindrücklich, wie das Hinnehmen von Garzweiler II in Nordrhein-Westfalen diesen Prozeß besiegelt hat.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.