Ausgabe Oktober 2001

Der Osten auf der Kippe

Widersprüche der Wirtschaftsentwicklung in den neuen Ländern

Wolfgang Thierse hat mit seiner produktiv-provokanten These "Der Osten steht auf der Kippe" die Diskussion über eine schonungslose Zwischenbilanz zur ostdeutschen Integration ausgelöst. Die darauf folgenden Kontroversen und Wertungen spiegeln die sozial-ökonomischen Unterschiede der beiden Teile Deutschlands. In Ostdeutschland fand wohl auch wegen der konkreten Erfahrungen "vor Ort" die Kritik große Zustimmung. Aufgrund der hohen Transferzahlungen stieß die Provokation im Westen dagegen großteils auf massive Ablehnung. Die Warnung vor einem möglichen Kippen der gesamten Wirtschaftsentwicklung wurde völlig übertrieben in die These vom Zusammenbruch oder Absturz umgedeutet. Statt solche Chaosszenarien zu verbreiten, ist der Hilferuf Thierses ernst zu nehmen.

Die empirischen Untersuchungen der wirtschaftswissenschaftlichen Institute und anderer Experten bestätigen Thierses These: Die unbestreitbar erfolgreiche Entwicklung gerade in Bereichen des Verarbeitenden Gewerbes sowie die Entstehung von regionalen Wachstumspolen reichen offensichtlich nicht aus, den Stillstand und schließlich Rückschritte bei der ostdeutschen Transformation gegenüber Westdeutschland trotz hoher öffentlicher Transfers zu vermeiden.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.