Ausgabe Januar 2002

Warum sind wir reich? Warum sind die anderen arm?

Oder muß man die Frage ganz anders stellen?

Die Entwicklungsdebatte, meint ein Autor1, tritt in das neue Millennium „not with a gracious jump“, sondern ziemlich hinkend ein. Das Urteil, fürchte ich, trifft zu. Seit etwa 1955 bis Ende der 80er Jahre gab es die „Dritte Welt“ kämpferisch als geographische und konzeptuelle Wirklichkeit, glaubte man an die Machbarkeit von „Entwicklung“ (inzwischen längst ein für jede Definition zugängliches Amöbenwort) und sah man den Nationalstaat als hauptsächlichen Träger dieses Vorganges an. Heute dominiert das Thema der Zivilgesellschaft, verschwimmen die ehemaligen Abgrenzungen zwischen Industriegesellschaft und peripheren Ländern und wird „Entwicklung“ als ein diffuser Vorgang, der zwischen Netzen von Staaten, Institutionen, Banken, Konzernen, Mediengesellschaften, NGOs und dem Volk vor sich geht, eingestuft und kennt Gewinner und Verlierer.2 Von einer Dritten Welt will eigentlich kaum noch jemand reden. Und meine erstsemestrigen Hörer an der Universität Wien wissen nicht mehr, was Dependenztheorie heißt. Parallel zum globalisierten Neoliberalismus hat sich eine neu-alte Entwicklungsdebatte situiert, die ganz von vorne beginnt. Es schmeichelt, daß Europa dafür den Referenzpunkt abgibt, weil gerne vom „europäischen Wunder“ oder von „europäischer Sonderentwicklung“ geredet wird.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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