Ausgabe Januar 2002

Warum sind wir reich? Warum sind die anderen arm?

Oder muß man die Frage ganz anders stellen?

Die Entwicklungsdebatte, meint ein Autor1, tritt in das neue Millennium „not with a gracious jump“, sondern ziemlich hinkend ein. Das Urteil, fürchte ich, trifft zu. Seit etwa 1955 bis Ende der 80er Jahre gab es die „Dritte Welt“ kämpferisch als geographische und konzeptuelle Wirklichkeit, glaubte man an die Machbarkeit von „Entwicklung“ (inzwischen längst ein für jede Definition zugängliches Amöbenwort) und sah man den Nationalstaat als hauptsächlichen Träger dieses Vorganges an. Heute dominiert das Thema der Zivilgesellschaft, verschwimmen die ehemaligen Abgrenzungen zwischen Industriegesellschaft und peripheren Ländern und wird „Entwicklung“ als ein diffuser Vorgang, der zwischen Netzen von Staaten, Institutionen, Banken, Konzernen, Mediengesellschaften, NGOs und dem Volk vor sich geht, eingestuft und kennt Gewinner und Verlierer.2 Von einer Dritten Welt will eigentlich kaum noch jemand reden. Und meine erstsemestrigen Hörer an der Universität Wien wissen nicht mehr, was Dependenztheorie heißt. Parallel zum globalisierten Neoliberalismus hat sich eine neu-alte Entwicklungsdebatte situiert, die ganz von vorne beginnt. Es schmeichelt, daß Europa dafür den Referenzpunkt abgibt, weil gerne vom „europäischen Wunder“ oder von „europäischer Sonderentwicklung“ geredet wird.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.