Ausgabe März 2004

Ein Jahr Agenda 2010

Mythos Eigenverantwortung

In den Grundsätzen der Regierung und aller Parteien (noch fehlt die PDS) avancierte die Parole von der "Eigenverantwortung" zum Schlüsselwort. Sie zu stärken steht im Mittelpunkt jeder Neuordnung der Arbeitsverhältnisse und der sozialen Sicherungssysteme. In welchem Maß aber kann, das ist die alles entscheidende Frage, eine einzelne Person tatsächlich für ihre wirtschaftliche Lage verantwortlich sein? Die Antwort hängt in erster Linie davon ab, ob das Individuum tatsächlich frei in seiner konkreten Entscheidung ist, vor allem aber davon, welche Reichweite die individuelle Handlung objektiv hat. "Eigenverantwortung" hat demnach eine philosophische Dimension. Diese aber kommt umso weniger zur Sprache, je mehr dieser Begriff mit geradezu religiösem Eifer gebraucht wird.

Grundsätzlich wäre es Sache der Wirtschaftstheorie, über die Grenzen dieser Freiheit Auskunft zu geben, also darüber, was eine individuelle und freie Handlung denn tatsächlich ausrichten kann, über welchen Wirkungsbereich sie verfügt. Zu einer unumstrittenen Antwort auf die Frage nach der Reichweite eigener Verantwortung ließe sich kommen, wenn es nur eine einzige, eine richtige Wirtschaftstheorie gäbe, wenn also der Zweck von Theorie darin bestünde, die Sachen und Verhältnisse zutreffend zu erklären.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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