Ausgabe Mai 2004

Kuba 2004

Havanna in Bedrängnis

Die historischen Zäsuren 1989 und 1991 bildeten für Kuba mehrfache Herausforderungen: Binnen kürzester Zeit musste der politische Diskurs der Revolution neu konstruiert werden – nicht mehr der Leninismus stand im Mittelpunkt, sondern die Ideologie des antikolonialen Befreiungskampfes, gestützt auf das politische Erbe des Nationalhelden José Martí. Drängender jedoch als ideologische Fragen galt es, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Quasi über Nacht wurde mit der Auflösung des "Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" 1991 die kubanische Binnenökonomie lahm gelegt – der mit der Sowjetunion vereinbarte Tauschhandel "Zucker gegen Öl" fand ein abruptes Ende. Folglich begann die Notwirtschaft mit einer Energiekrise nie gekannten Ausmaßes. Stundenlange Stromabschaltungen ("apagones") machten den Menschen zu schaffen, Pferdekarren bestimmten das Straßenbild.1 In Anbetracht des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung traf die kubanische Regierung nach einer öffentlichen Debatte Grundentscheidungen für Reformen, die das wirtschaftliche und politische Feld auf Kuba bis heute maßgeblich beeinflussen. Die Basis für diese Entwicklung bildete die 1992 novellierte Verfassung, ein Jahr später folgte die Legalisierung des US-Dollars, um den boomenden Schwarzmarkt in den Griff zu bekommen. Neben dem andauernden Konflikt mit Washington liegt hierin die größte Herausforderung für das sozialistische System auf Kuba.

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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