Ausgabe August 2005

Demokratie und Justiz in nationalstaatlicher und europäischer Perspektive

Zur Verteidigung der Verfassungsprinzipien des alten Europa (III)

Das bisherige Ergebnis, dass – allen landläufigen Missverständnissen zum Trotz – jede starke, vor allem die auf Volkssouveränität basierte Demokratie ohne rechtsstaatliche Gewaltenteilung nicht realisiert werden kann, erfordert eine Analyse des aktuellen Stellenwerts der Justiz im Gewaltenteilungssystem. Jede Veränderung ihrer Funktionsweise hat Rückwirkungen auf dieses System und damit auf die Bedingungen der Möglichkeit von Demokratie. Seit etwa einem Jahrhundert haben Besonderheiten der faktischen Entwicklung und konforme Prozesse der eindimensionalen Anpassung normativer Theorien zu einer Situation geführt, in der sogar Vertreter einschlägiger wissenschaftlicher Disziplinen um die Freiheit der richterlichen Entscheidung mehr besorgt sind als um die Verteidigung bürgerlicher Freiheit gegen willkürliche Justiz. Entsprechend wird gegenwärtig richterliche Unabhängigkeit weithin mit richterlicher Unabhängigkeit vom Gesetz verwechselt und letztere schließlich zum Kriterium gelungener Gewaltenteilung erklärt.

Eine Untersuchung der zugrunde liegenden Rechtsentwicklung seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist auf Veränderungen sowohl der Gesetzesstruktur als auch der Methoden der Rechts"anwendung" (bereits dieser Begriff ist heute geächtet) verwiesen.

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Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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