Ausgabe Oktober 2006

Wirtschaftspolitische Sommerphantasien

Der Sommer brachte es an den Tag: Wenn unsere Politiker Zeit haben, über grundlegende wirtschaftliche Probleme nachzudenken, kann die Konfusion nur noch größer werden. Bei all den Vorschlägen der Steinbrücks und Rüttgers, der Kochs und Merkels konnte von politischer Klarheit keine Rede sein. Mehr noch: Links wirkte wie rechts und umgekehrt. In volkswirtschaftlicher Theorie tat sich besonders der Finanzminister hervor. Peer Steinbrück empfahl den deutschen Bürgerinnen und Bürgern, auf den einen oder anderen Urlaub künftig zu verzichten, um besser für die Rente vorzusorgen. In die gleiche Kerbe hieb der ehemalige Rentenminister Walter Riester, der als ehemaliger Metallgewerkschafter den Verzicht auf das eine oder andere Auto für noch effizienter hält. Die beiden modernen Sozialdemokraten haben sich damit als getreue Anhänger der ältesten ökonomischen Lehre geoutet, nämlich der Lehre, wonach das individuelle Sparen für die Volkswirtschaft viel besser ist als der Konsum.

Mit diesem Sprung hinter Keynes zurück haben die beiden Genossen freiwillig das getan, wovor einer ihrer Vordenker, Erhard Eppler, sie schon Ende der 70er Jahre gewarnt hatte. Eppler prophezeite damals den Sozialdemokraten: „Wenn wir nicht über Keynes hinauskommen, werden wir hinter Keynes zurückgeprügelt.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.