Ausgabe Januar 2010

Schneidig daneben

Gewiss, neue Helden braucht das Land. Das wissen wir nicht erst, seit der „Merkur“, Hauptorgan der kulturelitären Intelligenz des Landes, diesem Thema jüngst ein ganzes Doppelheft gewidmet hat. Nein, seit langem schon ergeht in den konservativen Medien der Ruf nach „Ruck“ und „Schneid“ und „Durchregieren“. Und so kannte der Jubel der Hauptstadtpresse keine Grenzen, als es unlängst tatsächlich einer mit angeborenem Degen in das Amt des Wirtschaftsministers schaffte.

Am lautesten jubelte dabei der schneidigste aller Hauptstadt-Journalisten, Hans-Ulrich (kurz und schneidig: Uli) Jörges – seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur des „Stern“ und omnipräsenter Talkshow-Gast. Bereits im Frühjahr 2009 hatte er den „Baron der Herzen“ zum neuen nationalen Hoffnungsträger auserkoren. Und nach dessen Ernennung zum Verteidigungsminister kannte die Begeisterung kein Halten mehr. Nun nämlich meinte Jörges in Guttenbergs erster Tat im neuen Amt sogar das glatte Antidot zur Kanzlerin und deren „Moment der größten Schwäche“ zu erblicken: „Sie hat, ganz nah bei sich, einen Rivalen. Denn da griff, ohne zu zögern und ohne zu fragen, Karl-Theodor zu Guttenberg, der Verteidigungsminister, in ihr Kabinett ein. Feuerte mit altpreußischem Schneid den Generalinspekteur und einen Staatssekretär – und wusste dabei, dass das auch Franz Josef Jung, seinen Vorgänger, den Kopf kosten würde.“ Man meint, Jörges schiere Bewunderung für den neuen „Shootingstar“ der Regierung – der Begriff erhält hier eine ganz neue Bedeutung – herauszuhören: „Guttenbergs Hand ließ das nicht zittern. Vergleichbares hat Angela Merkel noch nicht erlebt.“

Vergleichbares dürfte allerdings auch Uli Jörges noch nicht erlebt haben. Denn zu dem Zeitpunkt, da besagte „Stern“-Ausgabe ausgeliefert wurde, wusste er offensichtlich noch nicht, was der gute Karl-Theodor längst wusste: dass nämlich die von ihm ausgesprochenen schneidigen Kündigungen auch dem Verteidigungsminister selbst den Kopf kosten könnten. Nur so erklärt sich der Umstand, dass Guttenberg im Bundestag eine glatte 180-Grad-Wendung vornahm – just am Tag des Erscheinens der Jörges-Kolumne über den „fein gelackten Baron“ mit dem „eisernen Kern“ und der „Härte für Höheres, fürs Kanzleramt“. Hatte Guttenberg noch kurz nach seiner Vereidigung den Beschuss der beiden Tankwagen in Kundus mit mehr als einhundert zivilen Opfern ohne Wenn und Aber für militärisch „angemessen“ gehalten – womit er weit über die Erklärungen der von ihm Gefeuerten hinausging –, erklärte er nun im Bundestag das glatte Gegenteil, nämlich den Angriff für „nicht angemessen“.

Wer wollte da noch behaupten, dass dieser „mutige Entscheider“ (und gediente Gebirgsjäger) sonderlich trittsicher wäre? Fest steht, dass – handelte es sich nicht um einen konservativen Hoffnungsträger – die Kritik aus den konservativen Medien vernichtend gewesen wäre. Immerhin sind jedoch auch bei der FAZ und im Springer-Verlag erste vorsichtige Absetzbewegungen zu erkennen. „Die Welt“ sah sich veranlasst einzugestehen, dass der Verdacht besteht, „die politische Spitze der alten Bundesregierung habe früh von den Ungereimtheiten um den Beschuss der Tanklastzüge gewusst. Wäre das der Fall und hätte sie das drei Wochen vor der Bundestagswahl unter der Decke gehalten: Es wäre einer der größten politischen Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik.“

In der Tat. Mit dem Bauernopfer eines altgedienten Militärs und eines Staatssekretärs, beide ohnehin kurz vor der Rente, wäre dieser Skandal jedenfalls nicht ausgestanden. Letztlich wird ein Untersuchungsausschuss den ganzen Umfang des Versagens klären müssen – und also auch, wie „angemessen“ der Eiertanz des draufgängerischen Freiherrn wirklich war. Wirklich draufgegangen sind jedenfalls bisher nur andere. Uli Jörges wird das gewiss nicht davon abhalten, in Kürze wieder schneidig auf- und danebenzutreten. Wie schön, dass journalistischer Schneid so billig – und gefahrlos – zu haben ist. Das allerdings nennt man nicht Helden-, sondern Gratismut.

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