Ausgabe November 2010

Der dritte Ort

Anerkennung und Fremdheit in paradoxen Gemeinschaften

Vor nun fast 20 Jahren beendete Julia Kristeva ihr Buch über das „Problem des Fremden“ mit den Worten: Wir sind „das erste Mal in der Geschichte gezwungen, mit Anderen, von uns gänzlich Verschiedenen, zu leben [...]. Eine paradoxe Gemeinschaft ist im Entstehen, eine Gemeinschaft von Fremden, die einander in dem Maße akzeptieren, wie sie sich selbst als Fremde erkennen [...]. Im Frankreich von heute, am Ende dieses 20. Jahrhunderts, ist ein jeder vom Schicksal dazu bestimmt, ‚derselbe und der Andere’ zu bleiben: ohne seine Herkunftskultur zu vergessen, aber sie relativierend, und zwar so weit, dass er sie nicht nur in die Nachbarschaft der Anderen rückt, sondern auch mit deren Kultur alterniert.”[1]

Diese Worte – „vom Schicksal dazu bestimmt, derselbe und der Andere zu bleiben“ – hallten während all der Jahre in mir nach, in denen ich über diese dichten Alltagsebenen der „paradoxen Gemeinschaften“ reflektierte, deren Zugehörigkeitsstruktur die Widerstandskraft von gewebtem Tuch besaß. Ich habe dabei sehen müssen, wie das Tuch zerschliss, wie die Fäden zerrissen und wie diese dichten, unersetzlichen Leben sich ethnisch, religiös und rassisch motivierter Kriegführung hingaben.

Kristevas Konzept der „paradoxen Gemeinschaft“ kann am Ende des ersten Jahrzehnts des 21.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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