Ausgabe Dezember 2015

Sexarbeit: Der verfehlte Schutz

Manuela Schwesig hat sich viel vorgenommen: Ihr Familienministerium will ein Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) auf den Weg bringen, das eine ganze Reihe von Zielen gleichzeitig erreichen soll. Nicht nur will der nun vorliegende Entwurf Menschenhandel und Zwangsprostitution wirksam bekämpfen, auch die Selbstbestimmung von Prostituierten soll gestärkt und ihre Arbeitsbedingungen sollen verbessert werden. Dazu schlägt das Ministerium diverse Maßnahmen vor: Künftig würden Prostituierte demnach einer Meldepflicht unterliegen und wären zu behördlichen und ärztlichen Beratungen verpflichtet. Für die Freier wiederum soll das Kondom obligatorisch werden. Die Bordelle schließlich würden einer Erlaubnispflicht unterworfen und hätten Mindeststandards einzuhalten. Statt jedoch Schutz zu garantieren, droht der Entwurf ein diskriminierendes Sonderrecht zu etablieren. Nicht zum ersten Mal würde damit ein Gesetzentwurf zur Sexarbeit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückbleiben.

Überfällige Rechtssicherheit

Denn schon 2002 hatte sich die damalige rot-grüne Bundesregierung mit dem Prostitutionsgesetz (ProstG) an einer revolutionären Neuerung versucht: Sexarbeit sollte vom Vorwurf der Sittenwidrigkeit befreit und legalisiert werden. Dann aber verlor Rot-Grün bei Landtagswahlen die Bundesratsmehrheit und konnte im Bundestag nur wenige Regelungen beschließen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Dezember 2025

In der Dezember-Ausgabe ergründet Thomas Assheuer, was die völkische Rechte mit der Silicon-Valley-Elite verbindet, und erkennt in Ernst Jünger, einem Vordenker des historischen Faschismus, auch einen Stichwortgeber der Cyberlibertären. Ob in den USA, Russland, China oder Europa: Überall bilden Antifeminismus, Queerphobie und die selektive Geburtenförderung wichtige Bausteine faschistischer Biopolitik, argumentiert Christa Wichterich. Friederike Otto wiederum erläutert, warum wir trotz der schwachen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz nicht in Ohnmacht verfallen dürfen und die Narrative des fossilistischen Kolonialismus herausfordern müssen. Hannes Einsporn warnt angesichts weltweit hoher Flüchtlingszahlen und immer restriktiverer Migrationspolitiken vor einem Kollaps des globalen Flüchtlingsschutzes. Und die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff zeigen mit Blick auf Großbritannien und die Schweiz, wie wir dem Bahndesaster entkommen könnten – nämlich mit einer gemeinwohlorientierten Bürgerbahn. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.