Ausgabe Mai 1990

Hoffnungsträger gesucht

Herausforderungen an die Gewerkschaften in den 90er Jahren

1. Warnung vor "einfachen Antworten"

Was wohl die Welt im innersten zusammenhält, läßt Goethe seinen Faust fragen. Seit der Explosion der Atombombe und der Entwicklung der Gentechnologie ist für die physikalische Welt im engeren Sinne diese Frage beantwortet. Vergleichbare Gewißheit galt - zumindest im Selbstverständnis eines nicht unerheblichen Teils politisch aktiver Menschen - bis vor kurzem auch für die soziale Welt. Mit der Auflösung aller Strukturen in jenen Ländern, die den "Sozialismus" auf ihre Fahnen geschrieben hatten - und die zusammen einen großen Teil der Menschheit ausmachten -, ist diese Gewißheit endgültig dahin. In der Geschichte haben sich nur selten politische und gesellschaftliche Veränderungen dieses Ausmaßes so rasant vollzogen wie in jüngster Zeit. Interpreten - soweit sie ihr Handwerk seriös betreiben - geraten in Atemnot. Viele Bürger sind verunsichert, weil die Folgen dieses gewaltigen Umbruchs nicht abschätzbar sind.

Das gilt - logischer- und verständlicherweise - nicht zuletzt auch für "Linke" aller Schattierungen in der Bundesrepublik. Nicht wenige machen eine tiefgreifende p o l i t i s c h e O r i e n t i e r u n g s k r i s e durch. Die Spanne der Reaktionen reicht von trotzigem Festhalten an dogmatischen Positionen bis zur opportunistischen Anpassung.

Mai 1990

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.