Ausgabe Juni 1992

Lehrmeister Frieden

Nun hat auch Karl Popper die Option Krieg zur Rettung des Friedens ethisch legitimiert 1) und allen denen Rückenwind verschafft, die nach dem Ende der Ost-West-Blockkonfrontation dem bis dahin weitgehend geächteten Krieg zu neuem Ansehen verhelfen möchten. Welch seltsame Koalition: Hondrich 2) und Popper. Auffallend ist weniger, daß sich der eine in der Deutung soziologischer Phänomene verrennt, der andere - als Philosoph der Offenen Gesellschaft hoch geachtet - im Alter von 90 Jahren offensichtlich altersbedingte Wahrnehmungsschwierigkeiten hat, auffallend ist vor allem der fahrlässige Umgang mit historischen Erfahrungen und nachprüfbaren Fakten.

I

Die Geschichte scheint uns zu lehren, daß Krieg die schrecklichste Geißel der Menschheit und zugleich unausweichliches Schicksal eben dieser Menschheit sei.

Dann aber ist jede Hoffnung eitel, irgendwann einen "letzten" Krieg zu führen, um den "ewigen" Frieden zu schaffen. Napoleon hatte in seinem Tagesbefehl vor der Schlacht von Austerlitz seine Truppen mit dem Versprechen motiviert, wenn diese Schlacht gewonnen wäre, dann kehre der Frieden ein. Er hat die Schlacht gewonnen, aber den Frieden verloren.

Juni 1992

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema