Ausgabe November 1992

Eine neue Welterziehungsordnung?

Entwicklungstheorie und Entwicklungshilfepolitik befinden sich (spätestens) seit Ende der 80er Jahre in einer tiefen Krise 1). Ansätze, die auf eine Modernisierung nach westlichem Muster setzten, konnten ihre hochgesteckten Ansprüche empirisch nicht fruchtbar machen. Auch Theorien, die die Weltmarktabhängigkeit des Südens als Dreh- und Angelpunkt ihrer Analyse wählten, melden Erklärungsnotstand an. Ausgeklügelte Begriffsapparate vermitteln den Mitgliedern der scientific community zwar das wohlige Gefühl von Vertrautheit mit der Materie. Die realen und äußerst unterschiedlichen Entwicklungsprozesse in der (als homogenes Gebilde nie existenten) Dritten Welt hingegen sind nicht einmal ansatzweise erfaßt, geschweige denn erklärt. Der Fehlschlag der "großen Theorien" führte bei manchem zur Nachdenklichkeit und Sprachlosigkeit, bei anderen zu Konvertitentum. "Von Europa lernen" sollen die Entwicklungsländer einerseits - da stimmen rechts und links nun weitgehend überein.

Andererseits aber wird ihnen sustainable growth, ein (je nach Übersetzungskunst) dauerhafter, nachhaltiger, ökologisch tragfähiger Entwicklungspfad anempfohlen - mithin das genaue Gegenteil dessen, was die Industrieländer bislang praktizierten.

November 1992

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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