Eigentlich schlechte Zeiten für Konservative - die Champions unter den Besitzstandswahrern -, wenn alles anders werden muß (und sei es, damit alles beim alten bleibt). Am Pranger steht über Nacht, wessen der Wohlstandsbürger sich so lange in aller Unschuld freuen durfte: Das Haben- und Mehrhabenwollen, das Besitzstandsdenken eben, die einst erfolgreiche CDU-Wahlkampfparole "Keine Experimente", vertraute Gewohnheiten, mehr oder weniger wohlerworbene Rechte und Ansprüche - lauter "Werte", die in der alten Bundesrepublik immer wieder Konservativen und Liberalen die Wähler zutrieben (Erhard: "Wohlstand für alle") und für die Adenauers Enkel plötzlich nur noch Hohn und Spott übrig haben... Standortdebatte heißt das erstaunliche Schauspiel. Der Berg hat gekreißt. Monatelang vorangekündigt, nach Versuchsballons, Vorentwürfen, die eilig wieder kassiert wurden, amtlicher Heimlichtuerei liegt die Maus auf dem Tisch: der "Bericht der Bundesregierung zur Zukunftssicherung des Standortes Deutschland", 110 Seiten, vorgelegt von Wirtschaftsminister Rexrodt am 2. September (im folgenden zitiert: Rexrodt). Worum es im Kern geht, steht allerdings präziser in der Vorlage des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V., dem einen Monat zuvor veröffentlichten Papier "Produktionsstandort Deutschland" (Köln, August 1993, 52 Seiten).
Das Timing hätte nicht besser sein können. Kaum hatten Ende April Delegierte aus 57 Staaten die weltweit erste Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verlassen, gab es neue Hiobsbotschaften vom Ölmarkt.