Ausgabe Januar 1994

Ausweg aus der Armutsfalle?

Zur Diskussion um Mindesteinkommen und Arbeitsmarkt

1. Umbau des Sozialstaats mit dem "Bürgergeld"

Die langanhaltende strukturelle Arbeitsmarktkrise, ergänzt und teilweise überdeckt durch die Umbruchkatastrophe in der vormaligen DDR, ließ in Deutschland Armut 1) als Massenerscheinung wiedererstehen.

Damit scheint von neuem ein Phänomen auf, dessen Beseitigung sich die "soziale Marktwirtschaft" als Erfolg in der Systemkonkurrenz zurechnete. Nach dem Wegfall der Systemalternative - längst vor ihrem tatsächlichen Zusammenbruch im Massenbewußtsein -, reagiert die bestimmende Sozialpolitik auf "neue" und "alte" Armut traditionell, nämlich mit armutssteigernden Kürzungen von Sozialleistungen, einhergehend mit und öffentlich legitimiert durch Schuldzuweisungen an die Armen.

Noch jeder Sozialabbau, so auch besonders der jüngste im Schatten des "Solidarpaktes", ging einher mit einer Kampagne gegen den Leistungsmißbrauch durch die Armen 2). Die wahlpolitisch fatalen Konsequenzen der zunehmenden Gesellschaftsspaltung 3), der Exklusion eines wachsenden Teils der Bevölkerung aus dem durchschnittlichen Lebensstandard, werden nun offenbar auch den politischen Kräften bewußt, die wesentliche Verantwortung für die Ausgrenzung tragen.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.