Ausgabe August 1995

500 mal was Vernünftiges

Else Kling hat sich einen Videorecorder gekauft und nun soll er angeschlossen werden. Aber es ist nur eine Gebrauchsanleitung auf italienisch dabei. Da muß sie leider den (wie heißt er noch?) Sarottti oder Pavarotti vom Pizzarestaurant bitten zu übersetzen. Man ist ganz erstaunt über Elses neue Vorliebe fürs Fernsehen, in dem doch "selten was Vernünftiges" komme. Nein, nicht Porno oder andere Schweinereien, nur "meine Serie", von der heute die 500. Folge gesendet wird, will sie "bis in alle Ewigkeit festhalten". Als Gatte und Sohn trotz linguistischer Unterstützung den Recorder nicht zum Laufen kriegen und darüber hinaus auch noch im Fernsehapparat die Sendereinstellungen löschen, läuft sie ins benachbarte griechische Restaurant, um dort wenigstens einen Teil der Folge noch anzusehen.

Aber sie wird abgewiesen. Denn Panaiotis Sarikakis, der Wirt, hatte monatelang Geld für Hilfsgüter gesammelt, die er dann selbst mit dem LKW nach Georgien bringen wollte. In der Türkei wurde er aufgehalten und beschuldigt, die Sachen seien für aufständische Kurden bestimmt. Der LKW wurde samt Ladung beschlagnahmt und er selbst verhaftet und im Gefängnis barbarisch gefoltert. Gerade ist er zurückgekommen und wurde schwerverletzt mit einem traumatischen Schock ins Krankenhaus gebracht.

August 1995

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.