Ausgabe April 1996

Folklore und Toleranz

Die Happy-Ends im Fernsehen sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Auf dem Weg nach Hause beschließt das frisch vermählte Ehepaar (der Film hätte also schon zu Ende sein müssen), sich gleich wieder scheiden zu lassen. Die Idee zu heiraten war den beiden eigentlich nur so nebenbei auf dem Postamt gekommen, weil der Postbote die Päckchen nur dem Ehe-, aber nicht dem Liebespartner aushändigen wollte. Waltraut fragte Ritschi dann, ob er denn mit ihr zusammenbleiben wolle, bis sie alt seien, ihm kam diese Frage wie eine rhetorische vor, und dann gab eines das andere, nämlich den Heiratsantrag, die einzig logische Antwort auf die Frage "Warum nicht?"

Waltrauts Eltern in der bayrischen Provinz wollen natürlich eine richtige Hochzeit, und Ritschi willigt schließlich ein. Das deftige Fest gerät zum Alptraum, und alle wollen von ihm, daß er nun auch voll mitspielt: die dicke und dickköpfige Mutter, die zur Hochzeit nach München nicht gekommen wäre, und der Vater, Metzgermeister, der ein Schwein schlachtet, dessen Kopf vor Ritschi auf der Festtafel liegt. Da kommt er sich vor wie ein Schlachtopfer, mit dem die Eingeborenen einen rätselhaften, anachronistischen Ritus vollziehen, während dem armen Schwein der Kopf des geschlachteten Schweins zublinzelt.

April 1996

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