Ausgabe Februar 1998

Überhaupt nichts ist unpolitisch

Tucholskys Richterbild

Wer sich in diesem Lande mit Politik oder unmittelbar mit der Justiz beschäftigt, die nur eine besondere Art der Politik betreibt, landet über kurz oder lang bei Kurt Tucholsky. Das war naturgemäß in der Weimarer Zeit so, denn damals schrieb Tucholsky, selbst gelernter Jurist, oft und entsetzt über die Richter und ihre Rechtsprechung. In der Nazizeit wäre man freilich ermordet oder eingesperrt worden, hätte man es mit dem Juden Tucholsky gehalten.

Nun aber ist er seit fünfzig Jahren tot warum gibt es auch heute noch eine Tucholsky-Gesellschaft, eine Tucholsky-Stiftung? Warum stolpert man Tag für Tag über den Mann? Warum hat Heribert Prantl im vergangenen Jahre eine so deprimierende Rede zur Verleihung des Tucholsky-Preises gehalten? Eine Rede, die vernünftigen Widerspruch nicht zuließ, weil Prantl nur zu recht hatte. 1) Hat sich etwa seit Tucholsky in diesem Lande gar nichts oder nur wenig verändert? Lassen wir die Frage erst einmal stehen und versuchen wir, einige Mosaiksteine zusammenzutragen. Eigene Erfahrungen sind dabei immer hilfreich: 1970 rollte der "stern" die weniger berühmte als skandalöse bayerische Spielbanken-Affäre wieder auf. Da ging es - wie schon im eigentlichen SpielbankenProzeß des Jahres 1959 - um die Frage, ob der spätere CSU-Bundesinnenminister Dr.

Februar 1998

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Warnungen aus Weimar

von Daniel Ziblatt

Autokraten sind vielerorts auf dem Vormarsch. Ihre Machtübernahme ist aber keineswegs zwangsläufig. Gerade der Blick auf die Weimarer Republik zeigt: Oft ist es das taktische Kalkül der alten Eliten, das die Antidemokraten an die Macht bringt.

Allzu perfekte Opfer

von Olga Bubich

„Das normale Vergessen ist der programmierte Zelltod des geistigen Lebens. Es formt die Erfahrung zu einer nützlichen Geschichte“, schreibt der amerikanische Schriftsteller Lewis Hyde. Da es keinen Grund gibt, ihm zu widersprechen, stellt sich eine nicht minder logische Frage – nützlich für wen?