Ausgabe April 2000

Großer Bruder, kleine Brüder

Das Leben von normalen Menschen sei "viel interessanter als das von Schauspielern", behauptet der Redakteur des Senders RTL2 und meint natürlich das von Schauspielern simulierte Leben in Fernsehspielen und -serien. In Big Brother, der neuen "Fernseh-Sensation", werden zehn Leute in einer Containerwohnung isoliert gehalten und Tag und Nacht von unsichtbaren oder sichtbaren Kameras gefilmt. Jede Woche muß einer oder eine das Haus verlassen, wer, das bestimmt die Gruppe selbst in heimlichen "Nominierungen", bestätigt durch ein angeschlossenes Zuschauer-Votum. Abgeschnitten sind sie überdies von jeglicher Kommunikation nach außen (außer zur Redaktion des Senders): kein Telefon, kein Fernsehen.

Aber die freiwillig Eingeschlossenen unterwerfen sich nicht der Kontrolle durch eine diktatorische Herrschaft, wie in Orwells Roman 1984, aus dem der Name der Sendung stammt. Sie offenbaren ihr Leben bis zu intimen Situationen einer marktähnlichen Medien-Öffentlichkeit vielmehr mit der Hoffnung auf eine Chance, ins Showgeschäft einzusteigen. Insofern erinnert die Versuchsanordnung an Auswahlmethoden bei Bewerbungen, durch die ermittelt werden soll, ob auch die richtige Einstellung, der Wille zur "Herausforderung" vorhanden ist, was als Voraussetzung gilt für den Erfolg auf dem überfüllten Markt der Sonnenseiten-Lebensläufe.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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