Ausgabe August 2002

Berlusconismo

Neuer Faschismus oder demokratischer Populismus?

Entsteht in Italien ein "neuer Faschismus", wie der Nobelpreisträger Dario Fo ("Le Monde", 11.1.2002) behauptet? Seit dem Amtsantritt der zweiten Regierung Silvio Berlusconis diskutieren Italiens Intellektuelle über Widerstandsmöglichkeiten ebenso sehr wie über die Einordnung des Phänomens Berlusconi. Gian Enrico Rusconi, einer der bekanntesten italienischen Politologen, Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs und Mitherausgeber der Zeitschrift "Il Mulino", plädiert für eine vorsichtigere Bewertung des "Berlusconismo". - D. Red.

Der "Berlusconismus" ist kein Phänomen, das sich auf die Politik im konventionellen Sinne beschränken ließe; er berührt inzwischen die gesamte Kultur in Italien, nicht nur die politische im engeren Sinne. Nicht von ungefähr haben viele italienische Intellektuelle extrem negativ auf Silvio Berlusconis Einstieg in den Ring und seine politische Rhetorik reagiert. Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob nicht einige Literaten oder Schriftsteller, die sich selbst als indignati, als empört, bezeichnen und von Journalisten ironisch die Apokalyptiker genannt werden, in einer Art Überreaktion im Wahlsieg Berlusconis eine viel schlimmere "ethische Katastrophe" gesehen haben, als sie es in Wirklichkeit ist.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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