Ausgabe Mai 2003

Gefährliche Dominospiele im Mittleren Osten

Blätter-Gespräch

"Blätter": Herr Kermani, Sie haben für eine von außen erzwungene Demokratisierung des Irak, allerdings mit friedlichen Mitteln, plädiert. Das war vor den Bombardierungen. Wie hätte diese Alternative zum jetzt doch überraschend schnell militärisch gewonnenen Krieg aussehen sollen?

Kermani: So, wie man mit anderen Diktatoren verfahren ist. Wie sind denn die Umbrüche in Indonesien, in Südkorea oder, in den 70er Jahren, in Spanien, in Portugal oder im Iran geschehen? Natürlich zunächst durch Veränderungen von innen, aber auch durch entsprechenden Druck von außen. Dieser war zum Teil wirtschaftlich, aber vor allem diplomatisch und hat einen Dialog in Gang gesetzt. Das geeignete Instrumentarium wäre also das ganze Arsenal der Entspannungspolitik von Boykottmaßnahmen, ökonomischen Druck einerseits und der in Aussicht gestellten Annäherung andererseits, also etwa parlamentarischer Austausch und Förderung zivilgesellschaftlicher Strukturen.

"Blätter": Hätten Menschenrechtskommissionen bei einem Diktator vom Kaliber Saddam Hussein denn wirklich Aussicht auf Erfolg gehabt?

Kermani: Im Falle des Iraks wäre es mit einer ziemlich fest im Sattel sitzenden Diktatur natürlich nicht so einfach gewesen wie bei bereits absterbenden Diktaturen.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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