Ausgabe September 2003

Vorstoß durch die Hintertür

Die versuchte Einführung fremdnütziger Forschung an Minderjährigen per Arzneimittelgesetz

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt als unumstößlicher Grundsatz in der biomedizinischen Forschung: Nie dürfen Menschen ohne deren eigene, aus freien Stücken gegebene Einwilligung zum Nutzen der Wissenschaft oder der Gesellschaft als Versuchspersonen benutzt werden. Dies hatte selbstverständlich auch dann Gültigkeit, wenn die Forschung – wie meistens der Fall – der Heilung von Krankheiten dient. Hatte? Das könnte sein, jedenfalls wird an den Wurzeln dieses Grundsatzes seit Mitte der 90er Jahre heftig gegraben. Und die jüngste Attacke gibt sich hoch offiziell.

Im April diesen Jahres hat das Bundesgesundheitsministeriums einen "Referentenentwurf für ein Zwölftes Gesetz zur Änderung des Arzneimittelgesetzes"1 vorgelegt. Laut eigenem Bekunden dient er unter anderem zur Umsetzung der Richtlinie 2001/20/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates.2 Der Entwurf enthält jedoch zumindest in zwei Punkten (lfd. Nr. 23 und 24) Änderungen der derzeitigen Rechtslage, die in deutlichem Widerspruch zu den bisherigen ethischen und rechtlichen Auffassungen über Arzneimittelstudien stehen. Es geht dabei um die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in fremdnützige Forschungsprojekte.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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