Ausgabe März 2004

Ein Jahr Agenda 2010

Mythos Eigenverantwortung

In den Grundsätzen der Regierung und aller Parteien (noch fehlt die PDS) avancierte die Parole von der "Eigenverantwortung" zum Schlüsselwort. Sie zu stärken steht im Mittelpunkt jeder Neuordnung der Arbeitsverhältnisse und der sozialen Sicherungssysteme. In welchem Maß aber kann, das ist die alles entscheidende Frage, eine einzelne Person tatsächlich für ihre wirtschaftliche Lage verantwortlich sein? Die Antwort hängt in erster Linie davon ab, ob das Individuum tatsächlich frei in seiner konkreten Entscheidung ist, vor allem aber davon, welche Reichweite die individuelle Handlung objektiv hat. "Eigenverantwortung" hat demnach eine philosophische Dimension. Diese aber kommt umso weniger zur Sprache, je mehr dieser Begriff mit geradezu religiösem Eifer gebraucht wird.

Grundsätzlich wäre es Sache der Wirtschaftstheorie, über die Grenzen dieser Freiheit Auskunft zu geben, also darüber, was eine individuelle und freie Handlung denn tatsächlich ausrichten kann, über welchen Wirkungsbereich sie verfügt. Zu einer unumstrittenen Antwort auf die Frage nach der Reichweite eigener Verantwortung ließe sich kommen, wenn es nur eine einzige, eine richtige Wirtschaftstheorie gäbe, wenn also der Zweck von Theorie darin bestünde, die Sachen und Verhältnisse zutreffend zu erklären.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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