Ausgabe Januar 2006

Chiles neue Normalität

Am 11. Dezember gewann eine Frau, Michelle Bachelet, die erste Runde der chilenischen Präsidentschaftswahl. Damit, so die These von Präsident Ricardo Lagos, endet die Phase der „transición“ und Chile tritt in die demokratische Normalität ein. Seit 1990 wird Chile im Rahmen der „Concertación“ im Wechsel von Sozialisten, Sozial- und Christdemokraten regiert. Und der Sozialdemokrat Lagos reklamiert nun das historische Verdienst für sich, den endgültigen Übergang von der Militärdiktatur zur normalen Demokratie vollbracht zu haben. Tatsächlich wurde der wichtigste Schritt zur Normalität am 18. September 2005 getan, als Lagos in der „Moneda“ – Chiles Präsidentenpalast – die neue Verfassung präsentierte. Damit entfielen die meisten Sonderbestimmungen der Pinochet-Verfassung von 1980, welche die Militärs zu Herren und Hütern einer hierarchischen Gesellschaft gemacht hatte. Seit diesem Zeitpunkt unterstehen die Streitkräfte der zivilen Präsidentschaft, die lebenslangen Senatoren – wie General Pinochet einer war – verschwanden, und die einst sechsjährige Präsidentschaft schrumpfte auf vier Jahre. Dass die Moneda ihres imperialen Stils entkleidet wurde und heute Besuchern und Touristen offen steht, unterstreicht die neue Normalität ebenso wie die Tatsache, dass nun in einigen Kinos der Film „Salvador Allende“ läuft, der voller Respekt Leben und Werk des seinerzeitigen Unidad-Popular-Präsidenten dokumentiert.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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