Ausgabe März 1990

Reise in die Ungleichzeitigkeit

Thüringer Tagebuch Anfang 1990

I

Wie im Laufe der Jahre schon dreißig Male zuvor: unter der Obhut des (bis vor kurzem FDJ-eigenen) J u g e n d t o u r i s t mit amerikanischen Studenten im WestBus unterwegs, gewappnet mit reichlichem Intershop-Proviant und knapp drei Tagen Geduld. Diesmal nach Thüringen. Eine Studienreise mit historischen und zeitgeschichtlichen Erkenntnisinteressen, eine Entdeckungsfahrt in den Schoß der deutschen Klassik im ersten Arbeiter und Bauernstaat auf deutschem Boden, eine Fahrt ins Damals und Jetzt. Bei dieser Reise aber, unserer ersten seit Öffnung der Grenze, kommt ein neuer Aspekt hinzu: die Zukunft, die in der Form eines drängenden Fragezeichens in jedes Standbild einbricht, jede Darstellung unverbindlich macht. Viele Deutschlandfahnen im Lande, wieder eine, da... im Vorbeifahren sehen wir, daß sie über einem Müllhaufen weht.

II

E r f u r t, 2 5. J a n u a r 1 9 9 0. Die Stadt wirkt in mancher Hinsicht verändert. Die Krämerbrücke, die einzige bebaute Brückenstraße nördlich der Alpen, ist hübsch renoviert. Viele der netten kleinen Läden und Handwerksbetriebe in dieser Gasse sind freilich ganz oder teilweise geschlossen, Symptom der Massenflucht. Das gleiche gilt für die Fußgängerzone "Am Anger". Am Domplatz, mit dem gotischen Ensemble von Mariendom und St.

März 1990

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Verteidigung der Vernunft

von Robert Misik

Die Zerstörung der Vernunft als das auf dem Austausch von Argumenten basierende demokratische Grundverständnis steht im Mittelpunkt des globalen Rechtspopulismus, der sich immer mehr zu einem Rechtsradikalismus verfestigt. Dem ist jedoch nicht durch eine linkspopulistische Gegenbewegung beizukommen.

Blackout: Die imperiale Lebensweise lässt sich nicht »abschalten«

von Ulrich Brand, Markus Wissen

Fünf lange Tage waren zehntausende Haushalte und mehr als 2000 Unternehmen bei eisigen Temperaturen im Berliner Südwesten Anfang Januar ohne Strom und ohne Heizung. Ausgelöst wurde der Stromausfall durch einen Brandanschlag auf eine wichtige, oberirdisch verlaufende Kabelbrücke des Berliner Stromnetzes.

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.