Ausgabe Januar 1991

Abschied von Solidarnosc

Quo vadis, Polonia? dürfte heute so mancher westliche Freund des Landes mit Besorgnis fragen. Zwar hat uns die neuerworbene Freiheit nicht so überrumpelt wie manch andere in derselben Ecke: Wir haben sie eher erkämpft als geschenkt bekommen.

Dennoch waren wir darauf nicht vorbereitet, und die neue Ordnung entsteht nicht im Selbstlauf. Seit dem Sieg der Solidarnosc in der Parlamentswahl vom 4. Juni 1989 ist das Lebensniveau um etwa ein Drittel gesunken. Im Vergleich zu dem "goldenen Zeitalter" des Gierek-Realsozialismus (Mitte der 70er Jahre) verdient man heute im Durchschnitt weniger als die Hälfte. Kein Wunder, daß die Leute enttäuscht sind und der Mythos der Solidarnosc als solidarische Volksbewegung endgültig dahin ist.

Noch vor zwei Jahren konnten unverbesserliche Utopisten von einer "Finnlandisierung" Polens schwärmen. Heute wäre diese Idee eher lächerlich: Wo ist denn das sowjetische Reich, an das sich Polen anlehnen sollte? Im Eilschritt marschieren unsere östlichen Nachbarn auf völlige Unabhängigkeit zu. Der noch vor kurzem verwegen klingende Spruch, "Polen hat nicht Rußland, sondern die Ukraine, Weißrußland und Litauen zu seinen Nachbarn", wird schon bald zur Wirklichkeit. Eine gewisse Zeit lang war das Volk bereit, sich mit der neugewonnenen Souveränität zu begnügen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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