Ausgabe September 1991

Demokratie in der Demokratur

Vor einigen Jahren erzählte mir der Generalvikar von San Salvador, Monsignore Uriel Arioste, ein Freund von Oscar Romero, über die Demokratie in El Salvador folgendes. "Ja, die Wahlen waren frei. Aber in Wirklichkeit, wissen Sie - es ist, als hätte man Noten für eine schöne Musik vor Augen, aber wenn man dann zum Klavier kommt, dann gibt es nur einen einzigen Ton von sich und quäkt unaufhörlich 'freie Wahlen, Wahlen, Wahlen', sonst nichts. Es gibt keine freie Versammlung, keine freie Opposition und keine freie Gerichtsbarkeit. Die Wahlen waren eine Farce."

Die meisten lateinamerikanischen Länder befinden sich in einem Übergangszustand von den Militärdiktaturen zur Demokratie, der deswegen wenig Hoffnung enthält, weil weder das Militär noch die mit ihm verbundene traditionelle Oligarchie des Feudalismus entmachtet worden ist.

Die Militärs konnten und können vielerorts morden, wie es ihnen paßt, später amnestieren sie sich dann oder erzwingen die i m p u n i d a d, die Straffreiheit. Und die Reichen, in Brasilien etwa 3% der Bevölkerung gegenüber 73% der unter der Armutsgrenze lebenden, zahlen im Allgemeinen keine Steuern. Eigentums- und Machtverhältnisse sind vor, während und nach den Militärdiktaturen dieselben geblieben; die neue Freiheit besteht im wesentlichen in der Möglichkeit, von Zeit zu Zeit einen Stimmzettel anzukreuzen.

September 1991

Sie haben etwa 35% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 65% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Politik des Misstrauens: Die schwarz-rote Kurzsichtigkeit

von Annett Mängel

Es sollte der Durchbruch werden, mit dem die schwarz-rote Bundesregierung vor den so wichtigen Herbstwahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ihre Tat- und Schaffenskraft demonstrieren wollte: Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Bärbel Bas und Markus Söder stellten am 2. Juli ein 34 Punkte umfassendes Reformpaket vor.

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.